Der Krieg und die Wahrheit

Von Feindbildern und dem Leiden der Menschen in der Ostukraine
Von Hans-Jürgen Volk

Im Osten der Ukraine herrscht Krieg mit all' den inakzeptablen Grausamkeiten, wie sie auch im medial stärker beachteten Konflikt zwischen Israel und der Hamas zu Tage treten. Bilder von den Verwüstungen, die die schwere Artillerie und die ballistischen Raketen der ukrainischen Armee in den Vororten von Donezk und anderswo anrichten sieht man kaum. Im Mittelpunkt der westlichen Berichterstattung steht die Absturzstellen des mutmaßlich abgeschossenen malaysischen Passagierflugzeugs. Gezeigt werden sog. "Separatisten", die internationale Experten am Betreten der Unglücksstelle hindern. Die Botschaft dieser Bilder ist: da hat jemand was zu verbergen. Tatsächlich führt die ukrainische Armee eine Offensive durch und hat hierbei anscheinend den Ehrgeiz, die Absturzstelle unter ihre Kontrolle zu bringen.

Angeblich werden die Separatisten von Russland mit modernsten Waffen versorgt. Im eigenartigen Kontrast hierzu steht die Meldung, dass sie sich kürzlich in einem donezker Museum mit Waffen eingedeckt und hierbei u.a. einen Panzer aus dem 2. Weltkrieg geklaut haben.

Die Unmenschlichkeiten des Krieges werden durch Feindbilder gerechtfertigt. Beunruhigen muss, dass sich hierbei auch westliche Leitmedien hervortun: die jetzige ukrainische Regierung. das sind die "Guten" - trotz der nationalistischen und antisemitischen Swoboda-Partei. Die "Bösen" sind die "Separatisten", die Russen und allen voran Putin, dem von Anfang an die Schuld für den Absturz von Flug MH 17 in die Schuhe geschoben wurde. - Ulrike und Werner Schramm haben hierzu berechtigte Anfragen formuliert.

Zerstörtes Slawjansk

Anfang April bin ich Svetlana, einer warmherzigen, temperamentvollen Russin, die seit etwa 24 Jahren in Deutschland lebt, das letzte Mal begegnet. Damals sorgte sie sich um Angehörige und Freunde in der Ostukraine und berichtete mir von den Spannungen dort und der Angst vor einem Krieg. Jetzt im Juli besuche ich sie und ihren deutschen Ehemann Gregor erneut. Die schlimmsten Befürchtungen sind Wirklichkeit geworden, die Städte und Dörfer in der Ostukraine gezeichnet durch ein brutales Kriegsgeschehen.

Bei den Gesprächen Ende März, Anfang April hatte ich nicht wahrgenommen, dass die Familien zweier Cousinen von Svetlana in Slawjansk beheimatet sind. Erst Wochen später geriet die Kleinstadt, die in etwa die Größe von Kaiserslautern hat, in die Schlagzeilen. Als die ukrainische Armee ihre Offensive begann, flüchteten beide Familien. Jetzt sind sie wieder zurück in einer zerstörten Stadt. Fast täglich sucht Svetlana per Skype den Kontakt mit ihnen.

Die regelmäßigen Kontakte mit Verwandten und Freunden in der Ostukraine haben zur Folge, dass russische Fernsehsender mittlerweile die Hauptinformationsquelle von Svetlana und Gregor sind. Natürlich wissen die beiden, dass da auch einseitige Propaganda gezeigt wird. Dennoch ist die Berichterstattung der russischen Medien weitaus eher mit den Erfahrungen ihrer Verwandten und Freunde in Einklang zu bringen als etwa die Sendungen im deutschen Fernsehen.

Ich frage Svetlana, wie es ihren Verwandten in der Zeit ergangen ist, als Slawjansk "Hochburg" der "Separatisten" war, ob die da in Bedrängnis geraten sind. "Gar nicht!" sagt Svetlana, "Das sind doch ihre Leute, der Hausmeister aus der Nachbarschaft, der Lehrer oder der Buchhändler." Ich erfahre, dass die "Separatisten" sich selbst als "Opolzenze" - Oppositionelle - bezeichnen. Sie sehen sich in Opposition zur aktuellen Regierung in Kiew, betrachten Russland als Schutzmacht ihrer Interessen und ihrer Lebensweise und wissen genau, dass eine stärkere Bindung der Ukraine an die EU der Schwerindustrie im Raum Donezk den Gar aus machen würde. Vor allem haben sie Angst vor Swoboda und dem "Rechten Sektor", also von Kräften, die offen ethnische Säuberungen propagieren und alles Russische ( - nebenbei: auch alles Jüdische -) ausmerzen wollen.

Die Verwandten von Svetlana verließen Slawjansk, als der wenig zielgenaue Artilleriebeschuss der ukrainischen Armee auf die Stadt einsetzte. Als sie zurückkamen, war die Infrastruktur weitgehend zerstört, es gab weder Strom noch Wasser. Ganze Wohngebiete lagen in Schutt und Asche, auch für viele Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude traf dies zu. Zahlreiche Zivilisten waren umgekommen. Eine der ersten Aktionen der ukrainischen Armee war es, gläserne Wahlurnen aufzustellen und die Menschen zu drängen, dort Zettel mit Namen von Sympathisanten der "Separatisten" einzuwerfen. Dies führte zu zahlreichen Verhaftungen.

Mittlerweile ist die Armee abgezogen, es gibt keine Ordnungsmacht in Slawjansk - weder eine Polizei noch eine öffentliche Verwaltung. "Die Menschen helfen sich selbst!" berichtet Svetlana.

Messen mit zweierlei Maß

Auch ich fand es fürchterlich, als im Frühjahr weit über hundert Menschen bei den Auseinandersetzungen am Maidan in Kiew im Kugelhagel ihr Leben verloren. Doch friedlich waren die Proteste damals schon lange nicht mehr. Jetzt sterben Zivilisten im Osten der Ukraine zu hunderten im Artilleriefeuer der ukrainischen Armee. Gregor informiert sich durch das russische Fernsehen, in dem das Leid der Menschen gezeigt wird: Zerstörte Wohngebiete, verzweifelte Menschen, hunderttausende auf der Flucht. In den westlichen Leitmedien spielt all dies kaum eine Rolle.

Wie anders war dies in den 90-er Jahren, als durch eine Offensive der Serben im Kosovo eine Fluchtbewegung der Albaner ausgelöst wurde. Der mit Falschmeldungen gespickten medialen Aufbereitung des Flüchtlingselends folgte ein völkerrechtswidriger Militärschlag der NATO - schändlicherweise mit deutscher Beteiligung.

Ich mag Autokraten wie Putin überhaupt nicht. Ich stelle allerdings fest, dass Viele großen Respekt vor ihm haben. Denn die Lebensverhältnisse der Menschen in der russischen Föderation haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Es sind vor allem ökonomische und soziale Gründe, warum es die russischsprachige Bevölkerung im Osten der Ukraine nach Russland zieht.

Man braucht Russland als Partner, wenn man die seit Jahren verfahrene Situation in der Ukraine befrieden will. Stattdessen wird Russland nun mit verschärften Wirtschaftssanktionen überzogen. Auslöser ist der Absturz von Flug MH 17. Dabei ist die Frage, wer für den Absturz des Flugzeuges und den Tod der Passagiere verantwortlich ist keinesfalls geklärt. Russland nützt diese Tragödie am allerwenigsten. Schließlich wird der russischen Regierung permanent vorgeworfen, die "Separatisten" zu unterstützen. Auch in Russland gibt es Verantwortungsträger, die Verwandte, Freunde und Bekannte im Osten der Ukraine haben. Gregor und Svetlana helfen mit Paketen und Geld. Mächtige in Russland tun dass ihnen Mögliche, um den "eigenen Leuten" in der Ukraine beizustehen. Die russische Regierung selbst steht unter innenpolitischem Druck, deutlich mehr zu tun. Auch in Russland gibt es Nationalisten, die in dem Einsatz militärischer Gewalt eine Option sehen, zumal nach ihrer Einschätzung die russische Armee innerhalb kurzer Zeit mit den ziemlich heruntergekommen Streitkräften der Ukraine fertig werden würde. Angesichts dieser Situation ist das Verhalten der russischen Regierung bis jetzt erstaunlich maßvoll und verantwortungsbewusst.

 

 

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