Tagebuch: Tagebuch Migration - April 26

Herausforderung Migration

Es gab einmal Zeiten, da wurde aus dem politischen Raum gefordert, Fluchtursachen zu bekämpfen. Dies war ein humaner, von christlicher Ethik gedeckter Ansatz. Heute, wo Armut, Umweltzerstörung und Kriege Fluchtursachen ohne Ende verursachen, ist davon kaum noch die Rede. Offensichtlich hat Menschlichkeit kapituliert und ist durch Herzenshärte ersetzt worden. Was mich vor allem bedrückt ist die Tatsache, dass eine Partei, die sich christlich nennt, diesen harten Kurs prägt. Noch bedenklicher ist es, dass es manch eine Gemeinde gibt, die offen Werbung für eine rechtextreme Partei macht, die in dieser Frage noch deutlich härter und unmenschlicher auftritt. Da mag man sich noch so sehr „bibeltreu“ nennen, biblisch ist dies nicht. Als Christ fühle ich mich da herausgefordert, auch wenn die biblische Position zur Migrationsproblematik heute eher unpopulär ist – leider gerade auch bei Menschen, die sich Christen nennen.

Jeden Morgen habe ich meine stille Zeit. Ich lese die Texte für den Tag aus den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeinde, halte Fürbitte und versuche im Gebet Klarheit für meine Entscheidungen zu finden.

Der Losungstext vom 7. April 2026 lautet:
Der Herr schafft Recht den Waisen und Witwen und hat Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben. (5. Mose 10,18-19)

Am 8. April 2026 lese ich folgenden Losungstext:
Bedrückt nicht die Witwen, Waisen, Fremdlinge und Armen! (Sacharja 7,10)

Es gibt noch zahlreiche weitere Bibelstellen mit einer ähnlichen Aussage. Mehrfach wird darin auf die Erfahrung Israels in Ägypten hingewiesen. Z.B.: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ (2. Mose 22,20)

Hierzu ein Hinweis: bei den „Fremdlingen“ dürfte es sich überwiegend um Angehörige der benachbarten Völker handeln: Edomiter, Moabiter oder Ammoniter. Sicher gab es auch Ägypter oder Menschen aus Mesopotamien, die in Israel lebten. Die Mitglieder dieser unterschiedlichen Völker konvertierten nun keineswegs zum Gott Israels, sondern verehrten nach wie vor ihre eigenen Götter. Dies sei all denen ins Stammbuch geschrieben, die pauschal Angehörige des Islam meinen verurteilen und aus Deutschland vertreiben zu müssen. Bibeltreu ist eine solche Haltung mitnichten.

Herausforderungen

Die biblischen Aussagen taugen nun nicht unbedingt als Handlungsanweisungen für konkrete Politik. Aber sie sollten eine, den Migranten und Flüchtlingen gegenüber, wohlwollende Haltung bewirken. Darüber hinaus sollte es darum gehen, die Herausforderungen, die es ja tatsächlich gibt, mit Vernunft zu begegnen. Wer dagegen – oft aus parteipolitischem Kalkül heraus – Ressentiments und Angst schürt, wird damit zum Teil des Problems. Er schadet nicht nur den betroffenen Menschen, er schadet zudem unserem Land.

„2015 darf sich nicht wiederholen!“ – dieses Mantra hört man immer wieder. Auch ich bin der Ansicht, dass, bei aller Wertschätzung der damaligen Willkommenskultur, damals Fehler und Versäumnisse eine höchst problematische Situation herbeigeführt haben. Ich habe damals darauf gewartet, dass angesichts der Vielzahl von Flüchtlingen insbesondere aus dem Syrien sozialpolitische Maßnahmen umgesetzt würden. Bereits damals war die Wohnsituation in manchen Großstädten prekär. Es wäre an der Zeit gewesen, massiv in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Doch trotz der damaligen Niedrigzinsphase trug man die „schwarze Null“ wie eine Monstranz vor sich her. Es hätte nie dazu kommen dürfen, dass Migranten mit einheimischen Geringverdienern in eine Konkurrenzsituation geraten. Dies war ein sozialpolitisches Versagen, das die Neigung zum Populismus und Extremismus befördert hat. Und heute sieht es kaum besser aus. Die Wohnungsnot gestaltet sich weitaus dramatischer als 2015. Es gibt Kindertagesstätten und Schulen mit einem Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der bei nahe 90% liegt. Vor allem im Niedriglohnbereich gibt es eine Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt zwischen Einheimischen und Zugewanderten. All dies sind Herausforderungen, die nicht auf der Schnelle bewältigt werden können und die vor allem entschlossene sozialpolitische Maßnahmen erfordern.

Während der Zeit der Weimarer Republik war die Zentrumspartei sozialpolitisch mit der SPD oft auf einer Linie. Manchmal frage ich mich, ob sich Politiker wie Spahn, Reiche oder Merz je intensiver mit der katholischen Soziallehre befasst haben. Immerhin ist die CDU die Nachfolgeorganisation der Zentrumspartei.

Das „christliche Menschenbild“

Die CDU bezieht sich gerne auf das „christliche Menschenbild“. Dieses soll wohl Teil des ethischen Fundaments der Union sein. Auch hier ist eine kurze Skizze angebracht, durch die die biblische Basis dieses Begriffs dargestellt wird.

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27) Ergänzend sei der Psalm 8 erwähnt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es in unserem Grundgesetz. Die beiden biblischen Texte stellen die Begründung für diese Aussage dar. Weder im Grundgesetz noch erst recht in der Bibel gibt es Einschränkungen der Menschenwürde; sie ist universell und betrifft jeden Menschen.

Auch ethisches Fehlverhalten schränkt die Menschenwürde nicht ein. Die Bibel schreibt dem Menschen eben auch die Neigung zur Abgründigkeit und zum schuldhaften Verhalten zu. Am deutlichsten ist das Bekenntnis des Paulus, der in Römer 7,18 und 19 schreibt: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Vgl. auch Römer 3,23.24) Wie oft hat jeder und jede von uns nach einem ausgewachsenen Desaster gesagt: „Ich habe es doch nur gut gemeint.“ Es gehört zur menschlichen Natur dazu, auch mit besten Absichten oft ein verherendes Ergebnis zu produzieren. Deswegen sind wir auf Weitherzigkeit und Vergebung angewiesen. All‘ dies schenkt uns Gott in Jesus Christus.

Hierdurch wird der Bereich der Ethik nun keineswegs in eine Zone der Belanglosigkeit gerückt, im Gegenteil. So lesen wir in Matthäus 25,34.35: Jesus spricht: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Weiter sagt Jesus in Matthäus 25,40: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Zunächst klingt der folgende Satz Jesu etwas sperrig. Er fordert allerdings eine grundlegende Haltung im eigenen Verhalten ein. In Matthäus 7,12 sagt Jesus: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Jesus geht es nicht am das penible und möglicherweise angstbesetzte befolgen einzelner Gebote und Vorschriften, es geht ihm um Haltung. Sein Satz lässt sich wie folgt übertragen: „Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“

Es entspricht dem Menschenbild der Bibel, das durchaus in den Humanwissenschaften eine Entsprechung hat, dass menschliches Handeln trotz aller positiven Potentiale grundsätzlich fehlerhaft und mitunter schuldhaft und abgründig sein kann. Die weit verbreitete Untugend, in einer Krise oder nach einem Unfall zunächst und vor allem nach Schuldigen zu suchen, ist nicht nur unvernünftig und destruktiv, sondern auch unbiblisch.

Es geht um Haltung!

Die Bibel enthält kein Programm für tagespolitische Entscheidungen. Sie fordert jedoch eine bestimmte Haltung ein. Dass man Menschen, die materielle Not leiden – und hierzu gehören ohne Frage auch Flüchtlinge -, mit Empathie begegnen sollte, ist hier wegweisend. Der Satz des ehemaligen Bundespräsidenten hat seine Berechtigung. „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“ Diese Aussage sollte man allerdings nicht missverstehen. Implizit fordert Gauck Weitherzigkeit auch im Umgang mit Migranten ein. Wer dieses Thema mit Unbarmherzigkeit und Herzenskälte abarbeiten will, kann sich weder auf Gauck noch erst recht auf die Bibel berufen. Und oft genug geschieht dies aus wahltaktischen Gründen. Auf der anderen Seite geht es darum, die begrenzten Möglichkeiten klug zu nutzen, sodass hieraus sowohl für unsere Gesellschaft wie auch für Migrantinnen und Migranten hieraus ein Gewinn erwächst.

Nun sollte man die Dinge nicht schönreden. Es gibt Probleme und zwar heftige. Zum Teil haben sie – wie bereits angedeutet -zu tun mit einer verfehlten Sozialpolitik. Auch die Unentschlossenheit, ob Deutschland nun ein Einwanderungsland sei oder nicht, blockierte nötige Integrationsmaßnahmen. Deutschland ist übrigens schon immer ein Einwanderungsland gewesen. Als Beispiel seien die französischen Hugenotten erwähnt, die im 18. Jahrhundert in Preußen Zuflucht fanden oder die polnischen Bergleute, die sich Anfang des letzten Jahrhunderts im Ruhrgebiet niederließen. Wenn jedoch in Schulklassen oder in Kindertagesstätten bis zu 90% der Kinder einen Migrationshintergrund haben und zum Teil der deutschen Sprache kaum mächtig sind, ist dies ein Problem. Man versucht hier gegenzusteuern, hat jedoch allzu lange Sprachförderung und frühkindliche Bildung vernachlässigt. Es gibt Kriminalität auch unter Migranten, der man mit rechtsstaatlichen Mitteln konsequent begegnen sollte.

Allerdings werden bestimmte Vorfälle genutzt, um pauschal ganze Personengruppen zu verunglimpfen. Wenn man sich anschaut, was zum Teil in sozialen Netzwerken geäußert wird, kann man nur den Kopf schütteln. So löst man gewiss keine Probleme, sondern man bereitet dem Hass und schließlich der Gewalt den Weg. Gerade in Krisensituationen ist gesellschaftlicher Zusammenhalt von größter Bedeutung. Wer dagegen andere verunglimpft und die Polarisierung in unserer Gesellschaft befördert, schadet unserem Land.

Was mich wirklich bedrückt, ist, dass Christen, die sich selbst als „bibeltreu“ bezeichnen, daran beteiligt sind. Es taugt nicht, sich selektiv auf den Wortlaut einzelner Bibelstellen zu beziehen und den biblischen Gesamtzusammenhang nicht wahrzunehmen. Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus im Zusammenhang mit nationalreligiösen Vorstellungen haben tatsächlich keine biblische Grundlage, sondern widersprechen zentralen Aussagen, die Jesu z.B. in seiner Bergpredigt äußert Vgl. Matthäusevangelium, 5-7).


Hans-Jürgen Volk

 

 

Mobile Menu