Tagebuch: Gedanken zum Jahresanfang 2026
Schwierige Zeiten – Gründe für Hoffnung gesucht
Seit meiner Jugend bin ich ein politisch engagierter Mensch. Zugleich spielt in meinem Leben der christliche Glaube die zentrale Rolle. Wenn ich mich politisch äußere, geschieht dies auf der Basis einer christlichen Ethik, auch wenn ich dies nicht immer kenntlich mache.
Recht früh war ich fasziniert von der Person des Jesus von Nazareth. Seine Botschaft und sein Umgang mit Menschen waren für mich ungewöhnlich und inspirierend. Später – während meines Theologiestudiums – erkannte ich, dass das Kreuz und die Auferstehung Jesu Kern des christlichen Glaubens sind. Vor allem bewegte mich die Theologie des Apostel Paulus. Seine Rechtsfertigungslehre, also die Tatsache, dass das Vertrauen der Liebe Gottes gegenüber entscheidend ist, nicht aber das immer von Unzulänglichkeiten geprägte Handeln von uns Menschen, bewegte mich tief. Damit werden ethische Fragen keineswegs irrelevant. Ob wir den Weisungen der Bibel und insbesondere den Worten Jesu folgen, ist maßgeblich für ein gelingendes Leben.
Abschied von einer wertegleiten, regelbasierten Ordnung
Die Seele kommt kaum mehr nach. Eine Krise wird überlagert von der nächsten. Bedrückend waren die Dürrejahre ab 2018, Vorboten einer eskalierenden ökologischen Krise. Dann kamen die Corona-Pandemie. Während dieser Zeit fand die schlimme Flutkatastrophe im Ahrtal statt. Und 2022 griff Russland die Ukraine an, am 7. Oktober 2023 gab es den fürchterlichen Angriff von Hamas-Terroristen auf Israel, dem der grausige Feldzug Israels nach Gaza folgte. Nun überfällt die USA Venezuela und entführt den Staatschef Maduro. Gleichzeitig streckt die Trump-Administration ihre Hände nach Grönland, Panama oder Cuba aus. Das Völkerrecht, vor allem die UNO-Charta spielen keine Rolle mehr. Oberflächlich betrachtet verhält sich Trump wie ein pubertierender Teenager: „Grönland – muss ich haben.“ Tatsächlich steckt hinter allem eine wohldurchdachte Strategie. Neben Der Heritage Foundation gibt es da noch etliche weitere vor allem kapitalstarke Think-Tanks und Lobbygruppen, auf deren Gleisen sich die Trump-Administration bewegt.
Angesichts dieses beunruhigenden Szenarios fielen mir die Worte des Kirchenvaters Augustinus ein. Sie wurden verfasst während der Zeit der Völkerwanderung, als das weströmische Reich kollabierte:
„Was sind überhaupt Reiche, wenn die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche. Sie sind eine Schar von Menschen, werden geleitet durch das Regiment eines Anführers, zusammengehalten durch Gesellschaftsvertrag und teilen ihre Beute nach Maßgabe ihrer Übereinkunft. Wenn eine solche schlimme Gesellschaft durch den Beitritt verworfener Menschen so ins große wächst, daß sie Gebiete besetzt, Niederlassungen gründet, Staaten erobert und Völker unterwirft, so kann sie mit Fug und Recht den Namen „Reich“ annehmen, den ihr nunmehr die Öffentlichkeit beilegt, nicht als wäre die Habgier erloschen, sondern weil Straflosigkeit dafür eingetreten ist.“ (Augustinus, De Civitate Dei)
Tatsächlich scheint das Völkerrecht weder für Russland noch für die USA eine große Rolle zu spielen. Man bezieht sich lediglich dann auf die UN-Charta und andere völkerrechtlich verbindliche Vertragswerke, wenn dies politisch genehm ist.
Wirklich neu ist das nicht. Erschreckend ist allerdings die Hemmungslosigkeit, mit der die jetzigen US-Administration Rechtsfreiheit für ihre Außenpolitik reklamiert
„Krieg soll noch Gottes Willen nicht sein!“ – und jetzt?
Wenn Recht und Gesetz zum Spielball politischer Willkür werden, ist Unfrieden und letztlich Krieg die Folge. Deswegen gab es in Israel authentische Freude und Dankbarkeit über die friedenstiftende und lebensfördernde Wirkung des Gesetzes. Der Psalm 119 bezeugt dies eindrücklich. So wird Gott hier mit den Worten gelobt: „Deine Mahnungen sind Wunderwerke; darum hält sie meine Seele.“ (Ps. 119,129)
Wenn aber Recht instrumentalisiert wird im Sinne einer interessegeleiteten Politik, die tatsächlich nur die eigenen Bedürfnisse im Blick hat und diese mit allen denkbaren Mitteln durchsetzen will, wird jede Berufung auf eine christliche Ethik zum reinen Zynismus. Dies betrifft die russische Föderation mit ihrem Überfall auf die Ukraine, der tatsächlich von der russisch-orthodoxen Kirche ideologisch legitimiert wird. Dies trifft auch die Trump-Administration, die ebenfalls in einen religiösen Dualismus abgeglitten ist. Es fällt schwer, Figuren wie Trump und die MAGA-Amerikaner oder Putin samt seinen ideologischen Helfershelfern nicht einem „Reich des Bösen“ zuzuordnen. Wer die Ablehnung von Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch sozusagen zum Kennzeichen wahrer Christlichkeit deklariert und zugleich die eigene Entwicklungshilfe (US-AID) nahezu komplett streicht, wer den eigenen Rüstungsetat auf 1,5 Billionen $ erhöhen will und zugleich Sozialprogramme kürzt, verlässt tatsächlich die Basis einer bibelorientierten christlichen Ethik. Er nimmt Not und Tod von Millionen Menschen achselzuckend in Kauf.
Was nun? Wie soll man sich in einer Welt verhalten, in der die Stärke des Rechts zunehmend vom Recht des Stärkeren ersetzt wird? Die nach dem 2. Weltkrieg unter maßgeblichem Einfluss der USA errichtete regelbasierte Ordnung zerbröselt zunehmend – und zwar entscheidend durch das Agieren der beiden Großmächte USA und Russland.
Nun drängt es mich, einmal persönlich zu werden. Bereits als Kind und Jugendlicher prägte mich die Haltung, dann dazwischen zu gehen, wenn ein Stärkerer einen Schwächeren drangsalierte. Hin und wieder geschah dies auch von meiner Seite aus unter Einsatz körperlicher Gewalt. Dennoch besaß ich auf Grund meiner christlichen Prägung eine pazifistische Grundhaltung, wenn es um den Einsatz militärischer Gewalt ging. Diese Haltung hinterfragte ich, als ich mich Ende der 70-er und Anfang der 80-er Jahre mit Lateinamerika beschäftigte. Bestürzt hat mich sehr viel früher der von der CIA gesteuerte Militärputsch in Chile sowie die Ermordung von Salvador Allende 1973. Durch sogenannte „Todesschwadronen“, teilweise auch durch reguläres Militär sowie andere stattliche Organe fanden massivste Menschenrechtsverletzungen statt, die den Tod von Tausenden von oft völlig unbeteiligten Menschen zur Folge hatten. Extrem repressive Staaten wie Chile, Argentinien, El Salvador oder Guatemala wurden von den USA gestützt und dominiert. Spätestens durch die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen wurde mir klar, dass der Nazidiktatur niemals durch eine pazifistische Grundhaltung hätte beseitigt werden können. Dietrich Bonhoeffer ist mir da sehr nahe, der das Attentat auf Hitler durch den Gedanken der „Schuldübernahme“ rechtfertigte.
Wo Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden und ein extremer Dualismus die Welt eigenmächtig in Gut und Böse aufteilt, greifen die Methoden eines sozialen, gewaltfreien Widerstands nicht mehr. Dann ist es nötig, einem Aggressor mit militärischer Gewalt zu begegnen. Ohne Risiko ist dies nicht. Auch die Nationalsozialisten haben ihre Angriffe auf die Tschechoslowakei oder Polen zunächst als Defensivaktion verkauft, angeblich, um die dortigen deutschen Minderheiten zu schützen - ein Grundmuster, das auch die russische Föderation zur Legitimation faktischer Angriffskriege benutzt.
Fazit: Recht kann nur dann durchgesetzt werden, wenn die entsprechenden Mittel hierfür vorhanden sind. Die UNO krankt unter anderem daran, dass sie diese nicht hat. Zudem sind es gerade die Veto-Mächte Russland, USA und China, die im Weltsicherheitsrat Sanktionen auch bei offenkundigen Verstößen gegen die UN-Charta bis heute immer wieder blockiert haben.
Meine Hoffnung setze ich auf Europa. Immerhin wächst die Erkenntnis, dass es notwendig ist sich militärisch und wirtschaftlich zu stärken, will man nicht zum Spielball externer Mächte werden will. Trotz mancher Mängel ist das Mercosur Abkommen mit etlichen lateinamerikanischen Staaten positiv zu werten. Das Freihandelsabkommen, dass sich mit Indien und anderen asiatischen Ländern abzeichnet, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gerade Länder des Südens haben ein Interesse an einer verbindlichen Rechtsordnung, die die Schwachen vor den Übergriffen der Supermächte schützt.
Empathie!
Einer der schönsten und wichtigsten Texte der Bibel steht im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Von „Liebe“ ist hier die Rede. Mit dem wiederholten „und hätte die Liebe nicht“ macht Paulus deutlich, dass ohne diese Liebe alles andere wertlos ist. Im griechischen Text steht übrigens das Wort „agape“, es geht also nicht um die erotische Liebe. Der Begriff lässt sich auch mit „Wohlwollen“ oder „Zuneigung“ übersetzen. Entscheidend ist, dass Paulus hier von der Liebe Gottes redet, die sozusagen durch uns Menschen hindurchfließt und so alltagswirksam wird.
Im vergangenen Jahr hat mich eine Aussage von Elon Musk zutiefst bestürzt: Die Neigung zur Empathie sei eine der größten menschlichen Schwächen. Diese Aussage fand ich auch deswegen einfach nur schlimm, weil jungen Deutschen in den Ausbildungseinrichtungen der SS systematisch Mitgefühl und Empathie ausgetrieben und hierdurch der Weg zu furchtbaren Kriegsverbrechen und letztlich dem Holocaust bereitet wurde. Wie geschichtsvergessen muss man sein, um derart unbefangen intellektuelles Gift unter die Leute zu bringen?
Musk scheint mit dieser Haltung bei weitem nicht alleine zu sein. Die MAGA-Bewegung sowie die Trump-Administration entmenschlichen mit ihrer Sprache nicht nur Migranten, sondern auch politische Gegner. Die bösen Folgen konnte man einmal mehr vor einiger Zeit in Minneanapolis wahrnehmen. Ohne Not erschoss dort ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde ICE eine junge Mutter. Ein brutaler Mord, den der US-Präsident mitsamt seiner Helfershelfer wider besseres Wissen als Notwehr rechtfertigt. Sein Vize Vance setzt noch einen drauf, indem er die Schuld an dem Mord „radikalen Linken“ zuweist. Gemeint sind vor allem die Demokraten, die politisch Positionen in einer Bandbreite von CDU bis SPD vertreten. Und wenig später wird ein Krankenpfleger von ICE-Kräften ermordet. Erneut werden Lügen aufgetischt von angeblicher Notwehr, obwohl zahlreiche Videos das Gegenteil belegen.
Verstörend ist der Tatbestand, dass Vance sowie große Teile der MAGA-Bewegung fundamentalistisch-religiös unterwegs sind. Das Liebesgebot der Bibel nehmen sie wahr, beziehen dies allerding bestenfalls auf die eigene Familie und die Menschen, die der eigenen Ethnie angehören und die die gleichen politischen Ansichten vertreten, wie man selbst. Zum Kernbestand wahrer Christlichkeit gehört für diese National-Religiösen Ablehnung von Homosexualität und Abtreibung, Antifeminismus sowie die Ablehnung der Evolutionslehre Darwins. In den USA kommt noch das Recht auf Waffenbesitz sowie die Befürwortung der Todesstrafe hinzu. Mit am bedrückendsten ist der Umgang mit Migranten. Begründet wird die unmenschliche Schärfe, mit der z.B. die Ausländerbehörde ICE agiert, mit dem Ziel, die eigenen Menschen vor einer angeblich hochkriminellen Bevölkerungsgruppe zu schützen. Begleitet wird dieses schändliche Vorgehen von rassistischen, islamophoben sowie antisemitischen Tönen. Das alles soll christlich sein?!
Was hier unter der Überschrift einer angeblich bibeltreuen Christlichkeit betrieben wird, widerspricht elementaren Weisungen der Bibel. Aussagen zum Thema Homosexualität haben eine schmale, interpretationsbedürftige Textbasis. Zum Problem des Schwangerschaftsabbruchs findet sich nirgendwo eine klare Aussage in der Bibel. Ganz anders sieht dies beim Thema Migration aus. Migranten werden in der Lutherbibel als Fremdlinge bezeichnet. So steht im 2. Buch Mose 22,20: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Im 5. Buch Mose 10,17f lesen wir: „Der Herr … hat die Fremdlinge lieb. Darum sollt auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Im Buch des Propheten Sacharja 7,10 steht: „… und tut nicht Unrecht den Witwen, Waisen Fremdlingen und Armen.“ In der Bibel finden sich noch etliche Stellen, die in die gleiche Richtung gehen.
Im Blick auf die Situation in Deutschland ist hervorzuheben, dass die Migranten im Lande Israel ihre eigene Religion hatten. Wenn hierzulande von angeblich bibeltreuen Christen pauschal gegen den Islam gewettert wird, lässt man zentrale biblische Aussagen außer Acht. Und wer behauptet, der Koran sei im Gegensatz zur Bibel ein schlimmes, gewaltverherrlichende Buch, dokumentiert damit vor allem, dass er die Bibel nicht kennt.
Gewiss, jede Religion kann eine dunkle Seite entwickeln. Im christlichen Kulturraum waren dies die Kreuzzüge, die grausame Verfolgung von angeblichen Ketzern und Hexen oder die Sklaverei und der Kolonialismus. Heute erleben wir die dunkle Seite des Islam im Iran oder im Blick auf den IS. Stets gehen diese Grausamkeiten Hand in Hand mit einer verbalen Herabwürdigung des Gegenübers. Die Welt wird in Gut und Böse aufgeteilt, wobei der Verlust an Empathie und Mitgefühl die Folge dieses Dualismus ist. Im Kampf gegen das eigenmächtig deklarierte Böse wird Mitgefühl zu einer gefährlichen Untugend. Mit dieser Einstellung kann jede Ideologie und jede Religion ins Unmenschliche und Grausame kippen.
In Matthäus 7,12 sagt Jesus: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ So fasst Jesus die zahlreichen Weisungen der Bibel zusammen. Dies bedeutet, sozusagen in Vorleistung zu treten und anderen Menschen so zu begegnen, wie man es sich von ihnen wünscht. Noch einfacher: behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest! Ich glaube kaum, dass die ICE-Mitarbeiter so behandelt werden möchten, wie sie in ihrer Mehrzahl tatsächlichen oder auch nur scheinbaren Migranten begegnen. Noch weniger ist dies von den Mitgliedern der Trump-Administration und den sie unterstützenden Tech-Oligarchen anzunehmen. So fromm sich etliche dieser Menschen auch geben mögen, sie verlassen mit ihrem Reden und Handeln elementare Grundlinien christlichere Ethik. Empathie und Mitgefühl sind konstitutiv für unser Menschsein. Treten Kälte, Opportunismus oder Hass an ihre Stelle, kommt es zu einer gefährlichen Destruktion des Humanen.
Und unsere Kirche?
Während ich dies schreibe tagt die Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland. Eigentlich wollte ich schon seit Tagen den 2. Teil des Beitrags „Einmal falsch abgebogen“ verfassen, bin aber an diesem Tagebucheintrag hängengeblieben. Unsere Kirche ist in keiner guten Verfassung, was in diesen Zeiten multipler Krisen ein großer Schaden ist.
Mit einer „Finanzstrategie“ will man „Zukunftsfähigkeit“ gewinnen. Im landeskirchlichen Haushalt sollen mehr als 30 Mio. € eingespart werden. Bemerkenswert ist, wo man den Rotstift ansetzt. Die evangelischen Studierendengemeinden (ESG) will man zum Teil der Jugendarbeit der Kirchenkreise machen. An eine finanzielle Kompensation ist wohl kaum gedacht, was diesen wichtigen Arbeitszweig tatsächlich gefährdet. Denn die Kirchenkreise geraten durch die erwähnte Finanzstrategie ebenfalls unter finanziellen Druck. Zudem machen ihnen steigende Verwaltungskosten zu schaffen.
Dann will man sich von den verbliebenen Studentenwohnheimen trennen. Und das in einer Zeit des Wohnungsmangels und steigender Mieten!
Nicht zuletzt schließt man das „Haus der Stille“. Gerade in dieser Zeit multipler Krisen war diese Einrichtung bisher ein unverzichtbarer Ort zum Auftanken.
Man spart also an Stellen, die strategisch angesichts der Herausforderungen der Gegenwart ausgesprochen wichtig wären. Unsere Kirche erweist sich als nicht gegenwartsfähig und läuft in Gefahr, damit ihr Zukunft zu verspielen.
Manchmal fragt man sich in welcher Welt diejenigen, die die Dinge in unserer Kirche vorantreiben, eigentlich leben. Seit mehr als 20 Jahren propagieren sie „harte Entscheidungen und schmerzliche Abschiede“ als unausweichlich. Bereits 2005 legte man mit einem letztlich unseriösen Finanzalarmismus los und propagierte die von der EKD übernommene „einfache Formel“: Ausgehend vom Basisjahr 2002 werde sich bis 2030 die Mitgliederzahl der rheinischen Kirche um ein Drittel und ihre Finanzkraft um die Hälfte reduzieren. Tatsächlich gab es im Jahr 2005 ein Nettokirchensteueraufkommen von 492 Mio. €. In den Folgejahren war im Wesentlichen ein stetiger Aufwärtstrend bei den Kirchensteuereinnahmen zu verzeichnen. Im Jahr 2025 geht man von Rekordeinnahmen nahe 800 Mio. € aus. Mit Recht verweist man auf Einmaleffekte sowie auf gestiegene Lohnkosten und Energiekosten. Dies widerlegt aber keineswegs den Einwand, dass die auf einer EKD-Studie basierende „einfache Formel“ nie gestimmt hat.
Eigentlich ist es kaum zu fassen: Seit einigen Jahren wird mit einer Studie aus dem Hause Raffelhüschen in Freiburg argumentiert, in der bis zum Jahr 2060 (!) Mitgliederschwund und finanzielles Desaster vorgerechnet wird. Es ist das gleiche Muster, wie vor gut 20 Jahren: um gewünschte Strukturreformen auf den Weg zu bringen, erzeugt man Finanzdruck, der vor allem auf der erwähnten Prognostik basiert.
Was man anerkennen sollte: diesmal spielt die EKD mit offenen Karten und hat die Freiburger Studie immerhin öffentlich gemacht. Auch wurde die Studie aktuellen Entwicklungen angepasst. Schließlich stellt man unterschiedliche Szenarien vor.
Ein Großunternehmen würde unter Umständen ähnlich verfahren. Die Konsequenz wäre allerdings eine Strategie, wie man den Abwärtstrend stoppt. Stattdessen treibt man Fusionen voran, will sich von Gemeindehäusern und Kirchen trennen und Personal abbauen. Man verflüssigt Strukturen und macht sich damit bei Mitgliedern unserer Kirche und ihren Beschäftigten immer unattraktiver. Letztlich räumt man sogar ein, dass diese finanzorientierte Strategie den Mitgliederschwund beschleunigen kann. Mit kaltem Herzen wird eine Selbstdemontage betrieben, die fundamentalistischen und national-religiösen Gruppierung Räume öffnet. Es ist ein Schaden für unsere Kirche. Und es schadet unserer Gesellschaft und indirekt unserer Demokratie. Alleine in der Verbandsgemeinde, in der ich wohne, gibt es mindestens 12 freie Gemeinden. Einige sind durchaus sympathisch und kooperationsbereit. Andere wiederum haben zuletzt offen Wahlwerbung für eine Partei betrieben, die unser Verfassungsschutz als extremistisch einstuft. Hier gibt es Parallelen zu der bedrückenden Entwicklung in den USA.
Was nötig wäre!
Die Krankenkassen berichten schon seit geraumer Zeit von der Zunahme psychischer Erkrankungen gerade auch bei jungen Menschen. Das Thema „Einsamkeit“ bestimmte zuletzt die Schlagzeilen. In meinem Umfeld erlebe ich ein enormes Gesprächsbedürfnis vieler Menschen. Und ich bin froh, dass ich als Ruheständler dem nachkommen kann.
Auch angesichts der geopolitischen Großwetterlage halte ich es für ein strategischen Fehler, dass ich unsere Kirche seit mehr als 20 Jahren vor allem mit Strukturfragen beschäftigt. Gerade wertvolle, engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbringen viel zu viel Zeit in Ausschüssen oder Steuerungsgruppen. Ein weiteres Problem hierbei ist, dass strenge Vorgaben von Oben z.B. beim Gebäudemanagement die Spielräume vor Ort erheblich einschränken.
Bin ich im nördlichen Westerwald unterwegs, nehme ich viele sanierte Gebäude und manchen eindrucksvollen Neubau wahr. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der individuelle Wohlstand bei Vielen im Vergleich zu früheren Zeiten erkennbar gestiegen ist. Metzgereien, Gastwirtschaften, Bäckereien oder Dorfläden gibt es kaum noch. All dies waren Orte, an denen sich Menschen früher begegnet sind, also öffentliche Kommunikationsräume. In den Kleinstädten sieht es ein wenig besser aus. Dennoch ist beim Einzelhandel, beim Handwerk und der Gastronomie ein bedrückender Abwärtstrend zu verzeichnen. Der Gang durch die Fußgängerzonen von Betzdorf oder Altenkirchen hebt nicht gerade die Stimmung, obwohl diese Kleinstädte viel dafür tun, um für Belebung zu sorgen.
Als wir vor 25 Jahren nach Eichelhardt zogen, gab es dort 3 Gastronomiebetriebe, eine Metzgerei, eine Bäckerei, einen kleinen Raiffeisenmarkt und ein kleines Blumengeschäft. Außerdem sind noch 2 Bankfilialen zu erwähnen. Bis auf die Zweigstelle einer Bank ist davon nichts mehr übrig. Wenn nun auch das evangelische Gemeindehaus, das immer noch Ort der Begegnung weit über die Grenzen der Kirchengemeinde hinaus ist, geschlossen werden soll – und diesen Druck gibt es – können dies die Menschen nur als einen Akt der Entsolidarisierung begreifen.
In diesen Zeiten benötigen Menschen vor allem verlässliche Zuwendung – gerade von einer Institution wie einer Kirche. Sie seit über 20 Jahren mit „harten Entscheidungen und schmerzlichen Abschieden“ zu konfrontieren, ist in vielerlei Hinsicht destruktiv und hartherzig. Es zeugt von einem bedauerlichen Mangel an Empathie.
Gewiss muss man in Finanzfragen rational agieren. Es ist allerdings alles andere als rational, wenn man in diesen Zeiten von historischen Brüchen glaubt, Aussagen bis hin zum Jahr 2060 machen zu können.
Gewiss kann es Fusionen von Kirchenkreisen oder Gemeinden geben – wenn die Entscheider vor Ort dies für nötig halten. Hier Druck auszuüben und damit Menschen zu nötigen, entgegen der eigenen Überzeugung Strukturveränderungen voranzutreiben, schadet einfach nur und kostet Kraft.
Gewiss kann es nötig sein, sich von Gebäuden zu trennen. Dies sollten allerdings die Verantwortlichen vor Ort entscheiden. Dabei ist zu beachten, dass kirchliche Gebäude gerade in dörflichen Strukturen oft die einzig verbliebenen Orte der Begegnung sind.
Ein wenig Demut von den Funktionsträgern der landeskirchlichen Ebene, von der EKD gar nicht zu reden, wäre angesichts des Zustands unserer Kirche angebracht. Im Rahmen der BBZ-Finanzaffäre, der Umstellung der Finanzverwaltung auf das „neue kirchlichen Finanzwesen“ (NKF) und den damit verbundenen Softwareproblemen, die Abwicklung des Funk- und Fernsehzentrums oder der Verwaltungsstrukturreform sind durch Fehlentscheidungen finanzielle Schäden in Millionenhöhe entstanden, die das jetzt geforderte Einsparvolumen von ca. 33 Mio. € um ein Vielfaches übersteigen.
Es geht also um eine Trendumkehr: Abgabe von Macht und Entscheidungskompetenz an die Gemeinden und Einrichtungen, die die Arbeit vor Ort leisten. Von Gewaltenteilung will ich gar nicht reden. Diese hatte damals die Höppner-Kommission in Folge der BBZ-Finanzaffäre angeregt. Ich habe allerdings mehrere Landessynoden miterlebt. Meiner Wahrnehmung nach funktioniert die in etwa so, die der Parteitag einer Regierungspartei. Wirklich kontroverse Diskurse haben Seltenheitswert. Dies können wir uns angesichts der Situation unserer Kirche nicht mehr leisten. Viel wäre schon gewonnen, wenn unsere Synoden eigenständige Präsidien erhielten. Hilfreich wäre es außerdem, wenn die Kirchenleitung asketischer mit dem Instrument der Notverordnung umgehen würde.
Abschließend: Ich habe Menschen der rheinischen Kirche viel zu verdanken. Da gab es Persönlichkeiten, die mich entscheidend geprägt haben. Ich fühle mich meiner Kirche zutiefst verbunden. Auch deswegen äußere ich mich. Weil ich besorgt und traurig bin, wenn ich mir den Zustand unserer Kirche von heute vergegenwärtige. Der Protestantismus in Deutschland hat allerdings schon schlimmere Zeiten erlebt und durchstanden. Was bleibt, ist die Hoffnung auf den Herrn der Kirche, auf Jesus Christus. Und das fällt stärker ins Gewicht, als alles andere.
Hans-Jürgen Volk