Geplanter Börsengang sorgt für Diskussion

Kunden oder Genosssen?

Es geht um die Zukunftsfähigkeit der Kirche. Allen strukturellen, mentalitätsbedingten und konjunkturellen Widrigkeiten zum Trotz scheinen die Verantwortlichen entschlossen zu sein, gegen jeden Widerstand den begonnen Reformprozess unter dem Leitmotiv „Kirche im Aufbrrruch“ voranzutreiben und zu vertiefen – und das auf dem Hintergrund einer Tradition, die von Insidern immer mehr als Belastung empfunden wird.

Vor langer Zeit war es ja durchaus noch üblich, Kirchenmitglieder als „Brüder und Schwestern“ zu titulieren. Unabhängig vom biblischen Befund wurde diese Anrede jedoch von vielen als allzu intim und übergriffig empfunden.

Kik-Kirche

Mittlerweile hat sich die so genannte KiK-Kirche etabliert. KiK steht für: der Kunde ist König. Auf bemerkenswerte Weise hat hier Kirche von der Wirtschaft gelernt. In diesem Fall wurde die innovative Anrede, die zugleich programmatischen Charakter hat, durch einen bekannten Textildiscounter inspiriert, der stets bemüht ist durch ein Minimum an Ressourceneinsatz hinsichtlich der Personalkosten ein Maximum an Kundenzufriedenheit herzustellen. Theologisch ist die Sache klar: Der Kundenbegriff steht für eine konsequente Zuwendung der Kirche zum Menschen - vor allem im Blick auf seine Finanzkraft. Die Kirche folgt damit der Bewegung Gottes in Jesus Christus, die dieser vollzogen hat, um neue Kunden für sein Evangelium zu gewinnen.

Perspektive 2040 – Finanzkraftdesaster unausweichlich

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat bei führenden EKD-Vertreter neue Überlegungen ausgelöst, die diesen Ansatz innovativ weiterführen und damit überbieten. Auslöser ist eine neue Studie des Beratungsunternehmens Maci Mess & Partner. Einmal mehr ist die Finanzkraft der EKD und ihrer Landeskirchen Gegenstand der Untersuchung gewesen. Die Ergebnisse sind alarmierend! Alle früheren Langfristprognosen waren viel zu optimistisch, denn die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise insbesondere auf den demographischen Wandel waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung naturgemäß noch nicht im Blick. Die neue „einfache Formel“ lautet nun: Im Jahr 2040 wird die Evangelische Kirche nur noch die Hälfte ihrer heutigen Mitglieder haben. Ihre Finanzkraft wird auf ein Fünftel (25%) zurückgehen. Maci Mess empfiehlt eine zwei-Wege-Strategie: zum einen müssen die bisherigen Strukturveränderungen deutlich beschleunigt und mit wesentlich größerer Konsequenz durchgeführt werden. Die Finanzabteilung der Ev. Kirche im Rheinland hat kürzlich durchgerechnet, was dies im Blick auf die Personalentwicklung bedeuten würde: im Jahr 2040 sind höchstens noch 200 Pfarrstellen finanzierbar. Allerdings soll im Blick auf die veränderten finanziellen Rahmenbedingungen noch bewusster darauf geachtet werden, dass der jetzige Personalmix erhalten bleibt.

Da die Umsetzung Widerstände hervorrufen wird, sind nach Ansicht von Maci Mess klarere Leitungsstrukturen erforderlich. Politische Prozesse müssten auf allen Ebenen zurückgedrängt werden. In Zukunft sollten die Landeskirchen die Funktion der Kirchenkreise übernehmen und die EKD ein wesentliche Stärkung erfahren. Auf Grund seines größeren Gesamtüberblicks steht der Rat der EKD (Meci Mess empfiehlt eine Umbenennung in „Vorstand der EKD“) in der Pflicht, die wesentlichen Vorgaben im Blick auf Personalsteuerung und Personalentwicklung, Verfassungs- und Finanzfragen zu machen. Nur so könne man den immer komplexeren Rahmenbedingungen einer durch Globalisierung, demographischen Wandel geprägten Wirklichkeit gerecht werden. Synoden und Presbyterien komme im Rahmen dieser Vorgaben eine unverzichtbare Beratungsfunktion zu. Außerdem wird aus Gründen der Medienwirksamkeit die Einführung eines Bischofs für die EKD-Ebene empfohlen. Da der Titel „Reichsbischof“ historisch belastet ist, empfiehlt Maci Mess den Begriff „Bundesbischof“.

Börsengang empfohlen

Da es bei all diesen Maßnahmen im Kern darum geht, die Ev. Kirche noch stärker und konsequenter als Unternehmen im Dienstleistungsbereich zu profilieren, ergibt sich das zweite Element der von Meci Mess empfohlen Strategie fast von selbst: Die Umwandlung der EKD in eine Aktiengesellschaft! Selbstverständlich sei dies eine Option, die sorgfältig vorbereitet werden müsse und nur mittelfristig realistisch sei. Nachhaltiger Abbau von Personalkosten und deutlich straffere Organisations- und Leitungsstrukturen seien ja schon jetzt Programm, dies müsse konsequent und zügig umgesetzt werden. Außerdem müsse eine Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte erkennbar sein. In jedem Fall brauche die EKD frisches Kapital, um die Kernelemente einer kirchlichen Infrastruktur abzusichern. Die Marktchancen der Kirche seien nicht zuletzt auf Grund des Klimawandels und der sich verschärfenden sozialen Lage vieler Menschen gar nicht so schlecht. „Not lehrt bekanntlich beten!“ meinte ein Mitarbeiter von Maci Mess, der zugleich sein Institut im Rat der EKD vertritt. Diese Chance müsse die Ev. Kirche konsequent und entschlossen ergreifen, dann seien befriedigende Renditen und gute Aussichten für die Entwicklung der EKD-Aktie durchaus möglich.

Widerspruch aus dem Rheinland

Dass diese Vorschläge nicht ohne Widerspruch bleiben würden, war zu erwarten. Während es im Rat der EKD und bei den meisten Kirchenleitungen der Ev. Landeskirche durchaus ermutigende Rückmeldungen gab, meldeten sich aus der Ev. Kirche im Rheinland einige unbotmäßige Protestanten zu Wort. In einem Positionspapier mit dem durchaus polemischen Titel „Gegen den Verkauf der Kirche!“ vertraten sie die Ansicht, der geplante Börsengang sei nicht nur in sozialethischer Hinsicht bedenklich, er berühre auch die Kernfrage, wem die Kirche eigentlich gehöre. Theologisch repräsentiere die Kirche Jesus Christus und sei ihm zu eigen, so die leicht antiquierte Ausdrucksweise. Auf der empirischen Ebene sei die Kirche Eigentum aller getauften Christen. Es handele sich also um ein genossenschaftliches Eigentumsmodell, dass ohne eine Befragung aller Eigentümer nicht an die Börse gebracht werden dürfe, wogegen man entschieden sei. Etwas skuril dann der Vorschlag, den Kundenbegriff durch die sachgemäßere Anrede „Genossinnen und Genossen“ zu ersetzen. Schon bei Paulus heiße es: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht man noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus.“ - Auf die heutige Situation übertragen sei dies im Sinne der empirischen Realität der Kirche auch so zu verstehen: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht man noch Frau; sondern ihr seid allesamt Genossinnen und Genossen.“

Der Kreis will sich dafür einsetzen, dass diese Interpretation zumindest als Fußnote in der „Bibel in gerechter Sprache“ aufgeführt wird.

Venceremos! – oder: am Ende wird alles gut!

Pfafo