Kirchlinden geht neue Wege Dank NKF

- eine satirische Analyse systembedingter Risiken, Teil I -

Ziemlich trostlos war der Zustand der Gemeinde Kirchlinden noch vor etlichen Jahren. Doch dann kam mit der Umstellung der Finanzverwaltung auf das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF) die Wende. In der Gemeindekonzeption wurden klare Ziele formuliert, ein Ideenwettbewerb zum Erreichen dieser Ziele ausgeschrieben sowie eine Straffung und Professionalisierung der Gemeindeleitung entsprechend betriebswirtschaftlicher Gesichtspunkte durchgesetzt. Mut zur Innovation, Risikobereitschaft sowie ein konsequentes Qualitätsmanagement waren die Grundlage eines beispiellosen Erfolges.

Anfangs erschienen die Zielvorgaben Vielen als zu ehrgeizig: Die Teilnahme am Gottesdienst sollte innerhalb von 2 Jahren um 100 gesteigert, die Taufquote von 88% auf 99% erhöht sowie die Anzahl der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen verdoppelt werden. Außerdem verpflichteten sich die beiden Pfarrer der Gemeinde Hastemich und Mausbart durch eine Zielvereinbarung, monatlich mindestens 1 neues Mitglied in die Ev. Kirche aufzunehmen. Nicht zuletzt war die Sanierung der gemeindlichen Finanzen ein notwendiges Ziel, dass vor allem mit Hilfe einiger bemerkenswerter pkp-projekte (publik-kirchlich-partnerschip) erreicht und übertroffen wurde. Die Gemeinde bewegt sich seit drei Quartalen in der Gewinnzone, und dieser Trend scheint nachhaltig zu sein.
 
Happy Hearing“ - der innovativer Gottesdienst
 
Ein Beispiel für Best Practice ist die innovative Entwicklung der Gottesdienste der Gemeinde, die sich unter dem Titel „Happy Hearing“ einem immer breiteren Publikum geöffnet haben. Eindeutig in den Hintergrund trat die klassische Form der Predigt, stattdessen kommen jetzt neue, wesentlich kommunikativere Formen zum Zuge. Für Aufsehen sorgt zum Beispiel die örtliche Bauchtanzgruppe „Young Girls“, die mit ihrem Anmut und ihrer Kreativität biblischen Texten einen völlig neuen Ausdruck verleiht und die insbesondere bei Abendmahlsgottesdiensten der Feier einen heiter-festlichen Rahmen gibt. Ein Schlüssel zum Erfolg ist sicher auch die Partnerschaft mit der örtlichen Brauerei „Erlenbräu“. Statt zum konventionellen Kirchenkaffee lädt die Gemeinde nach dem Gottesdienst zu jenem Umtrunk ein, bei der „Erlenbräu“ seine breite, qualitativ hochwertige Produktpalette anbietet. Eine sorgfältige Evaluation mit Hilfe einer Befragung der Gottesdienstteilnehmer nach dem Umtrunk ergab, dass deren Zufriedenheit mit dem angebotenen Produkt „Gottesdienst“ und dem Rahmenprogramm von 4 auf 9 von 10 möglichen Punkten gestiegen ist. Eine weitere Form des interaktiven Gottesdienstes sind die monatlich stattfindenden „Churchie-Charts“, einer Art Hitparade, die mit Hilfe des Musikvereins durchgeführt wird. Zentrales Element ist eine Rangfolge von in der Regel 10 Songs, die sich zum Mitsingen eignen und die spirituelle Potenz haben. Auf Platz eins liegt zur Zeit „Jesus, du hast mein Herz gestohlen“, ein Titel, der auf anrührende Weise vom DSDS-Star Nicole Schmidt vorgetragen wird, Platz zwei nimmt der Titel „Lebt denn der alte Holzmichel noch …“, den Pfarrer Mausbart in einer originellen Message zuletzt am 2. Ostertag auf den Zimmermannssohn aus Nazareth und dessen durch die Auferstehung verursachte Langlebigkeit hin deutete. Der Erfolg gibt der Gemeinde recht. Der Gottesdienstbesuch stieg um sagenhafte 248,9% innerhalb von 18 Monaten
 
Ehrenamtliche en masse dank „Rush Hour“
 
Zunächst erwies sich die Gewinnung neuer ehramtlicher MitarbeiterInnen mit entsprechenden Kompetenzen als äußerst schwierig. Kirchmeister Pecunus, der als Geschäftsführer eines Autozulieferers über die entsprechenden Kontakte und Kompetenzen verfügt, entwickelte mit Zustimmung des Presbyteriums ein geniales Kooperationsprojekt mit der bekannten Leiharbeitsfirma „Rush Hour“, das eine klassische Win-Win-Situation herbeiführte. Nach einer entsprechenden Vereinbarung konnte sich die Kirchengemeinde aus dem großen Mitarbeiter- und Kompetenzpool der Firma bedienen. So erklärte sich auf Grund seiner Arbeitssituation ein Dipl. Ingenieur, der gleichzeitig über eine Ausbildung als Stuckateur verfügt, Küster und Hausmeistertätigkeiten ehrenamtlich zu übernehmen, eine hochqualifizierte Sozialpädagogin konnte für die Kinder- und Jugendarbeit gewonnen werden. Gleiches geschah in anderen Arbeitsfeldern. Außerordentlich gut qualifizierte MitarbeiterInnnen engagieren sich im diakonisch-pflegerischen Bereich, in der Betreuung von Kleinkindern bei Gottesdiensten und Gemeindeevents, im Entertainment und im Gemeindemarketing. Auch das Gemeindesekretariat konnte nach diesem Modell ehrenamtlich besetzt werden. Die betroffenen MitarbeiterInnen der Leiharbeitsfirma erhalten weiter ihr geringes Grundgehalt und stehen bei Engpässen für ein kurzfristiges Engagement bei anfragenden Firmen zur Verfügung, hinzu kommt eine Aufwandsentschädigung der Kirchengemeinde, die zudem einen vom KSV genehmigten Pauschalbetrag in überschaubarer Höhe an „Rush-Hour“ abführt. So konnte die Anzahl der Ehrenamtlichen in kürzester Zeit um 73% gesteigert und gleichzeitig Kosten in erheblichem Umfang gesenkt werden. Alleine der Abbau der alten Küsterstelle und der Stelle des Jugendreferenten brachte die Gemeinde in die Gewinnzone. Erhebliche Mittel wurden so frei, um Stars wie Nicole Schmidt zu engagieren und damit Menschen anzusprechen, die vom bisherigen Angebot der Kirchengemeinde keinen Gebrauch machten.
Eine Problemanzeige muss jedoch gemacht werden. Für Unruhe unter dem neuen Personalpool der Ehrenamtlichen sorgte die Indiskretion eines Presbyteriumsmitglieds, das mittlerweile allerdings diesem Leitungsgremium nicht mehr angehört. Es wurde offen gelegt, dass die Gemeinde die Aktivitäten der Ehrenamtlichen mit 13,95 € bilanziert, wohingegen der Basislohn von „Rush-Hour“ bei durchschnittlich 5,95 € liegt. Die Aufwandsentschädigung der Gemeinde an die MitarbeiterInnen liegt auf Stunden umgerechnet bei ca. 1,20 €. Diese Diskrepanz motivierend und wertschätzend zu vermitteln, erforderte ein Höchstmaß an kommunikativer Kompetenz des Leitungsgremiums. Die kritische Situation wurde letztlich glänzend bewältigt. Dennoch zeigt das Beispiel, dass bei allem Streben nach Transparenz und Offenheit Vertraulichkeit bei sensiblen Daten unabdingbar ist, zumal die alternativlose Rationalität marktbedingter Entscheidungen nicht jedem unmittelbar einleuchtet
 
Bible-belt“ um Kirchlinden - King Kong mit Bäffchen
 
Eine weitere Erfolgsgeschichten sei hier kurz skizziert, nämlich die Steigerung der medialen Präsenz:
Dieses in der Gemeindekonzeption verankerte Ziel wurde beispielhaft umgesetzt. Hierbei tat sich vor allem Pfarrer Hastemich hervor, der Jugendliche in großer Zahl dafür gewinnen konnte, die Bibel in der „Guten-Nachricht“-Übersetzung 2.873 mal auszudrucken, die einzelnen Bibelausdrucke mit Klebstoff zusammenzufügen und mit dieser ca. 25 Km langen Bibelkette einen „Bible-Belt“ rund um Kirchlinden zu ziehen. Nicht nur ein Eintrag im Guinness-Buch-der Rekorde war dem Pfarrer sicher, diese höchst symbolträchtige Aktion fand ausführlich Niederschlag in der Regionalpresse und war sogar dem Sat 1 - Magazin etliche Sendeminuten wert. Das mediale Echo war noch größer beim Auftritt von Pfarrer Hastemich als King Kong mit Bäffchen auf dem Festwagen des MGV Kleinlinden beim letzten Karnevalsumzug. Ähnlich spektakulär war die Aktion von Pfarrer Mausbart, der einer verarmten Rentnerin eigenhändig das Hausdach vor dem Winteranbruch neu eindecken wollte. Als die Kameras des Regionalfernsehens, das die PR-Abteilung der Gemeinde engagiert hatte, in Aktion traten, stürzte Mausbart vom Dach und brach sich mehrere Knochen. Vor allem dies wurde in zahlreichen Medien dokumentiert. Die Aktion des selbstlosen Pfarrers bescherte der Gemeinde einen unschätzbaren Imagegewinn, auch wenn die Rentnerin weiterhin mit ihrem undichten Dach leben muss. Pfarrer Mausbart hat jedoch einen neuen Anlauf angekündigt. Diesmal hat sogar RTL sein Interesse an einer Direktübertragung der Aktivitäten des hilfsbereiten aber leider fallsüchtigen Pfarrers mit dem Kommentar bekundet: „Genau sowas wollen die Leute sehen!“

 
Demnächst weitere Nachrichten aus Kirchlinden!
Sie werden erfahren, wie die Gemeinde dank Pampers die Taufquote steigert, wie ein Gourmetwochenende in einem Weingut an der Mosel Menschen zum Kircheneintritt bewegt oder wie sich die Gemeinde medienwirksam für bedrohte Pandabären in Ostgrönland einsetzt.

 
Außerdem bald in dieser Rubrik:
Neues vom Börsengang der EKD und warum dieser sich verzögert.

 
Pfafo