„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Eine Buchvorstellung

Martin Werner: Wer war der Apostel Paulus? ( (hrsg. von Jochen Streiter), Verlag T. Bautz, Nordhausen 2018, 101 Seiten, 10,00 €, ISBN 978-3-95948-343-8

Dem Berner Systematischem Theologen Martin Werner (1887 – 1964), einem Schüler Albert Schweitzers, war es lebenslang ein Anliegen, theologische Forschung und modernes, aufgeklärtes Denken zu verbinden und dabei nicht nur Fachgelehrte, sondern auch mitdenkende „Laien“ mitzunehmen, die an Erkenntnissen über den Weg des Christentums durch die Zeiten interessiert waren. So veröffentlichte er in seiner letzten Lebensphase 1963/64 im „Schweizerischen Reformierten Volksblatt“ eine Serie von Vorträgen unter der Generalüberschrift: „Wer war der Apostel Paulus?“ Die Texte entstammten einem Ferienkurs für normale Gemeindemitglieder. Sie zu einem Buch zusammenzubinden war Martin Werner nicht mehr vergönnt.

Der Wuppertaler emeritierte Pfarrer Jochen Streiter, von dem unlängst ein umfangreicher und informativer Artikel über Martin Werner im 39. Band des Biographisch-Bibliographischen Lexikons, Nordhausen 2018, erschienen ist (Sp. 1558 – 1584), stieß bei seinen Recherchen auf diese Texte. Sie sprachen ihn mit ihrer frischen, verständlichen Darstellungsweise auch nach fast zwei Generationen sehr an. So hat er seinen Archivfund nun, versehen mit einem Lebensbild des Berner Systematischen Theologen (S. 92 – 101), als Buch im Nordhauser Verlag Traugott Bautz herausgegeben.

Das Werk ist übersichtlich gegliedert und zeigt, dass Martin Werner ein begnadeter Volkspädagoge ist, der ohne Abstriche an wissenschaftlicher Erkenntnis die Kunst des Elementarisierens historisch-kritischer Forschung beherrscht.

In den ersten beiden Kapiteln (I. Die Briefe des Apostels Paulus - S. 10-24, und: II. Die Apostelgeschichte als Quellenbericht über Paulus - S. 25-38) geht es darum, von welcher Art die literarischen Quellen sind, aus denen man historisch-kritisch belastbare Kenntnisse über den Heidenapostel beziehen kann. Martin Werner informiert über die Eigenart antiker Briefe – die Briefe des Apostels sind ja solche – und dann über frühchristliche Apostellegenden und vor allem die zeitliche Differenz von mehr als einer Generation, die die Berichte der neutestamentlichen Apostelgeschichte vom Leben und Ergehen des Apostels trennen. Auf Grund dessen sind für ihn die echten Paulusbriefe die Hauptquelle, nicht die Apostelgeschichte. Mit leichter Hand behandelt Martin Werner sogenannte biblische Einleitungsfragen wie die Kanonbildung und Literarkritik und informiert über die antike Welt des Paulus.

Die beiden  nächsten Kapitel (III. Der Lebensgang des Paulus – S. 39-52, und: IV. Paulus als Persönlichkeit – S. 53-64) enthalten eine äußere und eine innere Biographie des Rabbis aus dem kleinasiatischen Tarsus, erarbeitet vor allem an den sog. echten Paulusbriefen. Zunächst war Paulus ein eifriger Christenverfolger. „Warum eigentlich? Irgendwie muss der strenge Rabbi im neuen Glauben etwas geradezu Unrechtes, eine Art Religionsverbrechen gesehen haben. Das große Ärgernis war für ihn der eigentliche Kernpunkt des neuen Glaubens, d.h. der Glaube, dass in Jesus von Nazareth der Christus, der den Juden verheißene Messias erschienen sei. … Für den damaligen jüdischen Glauben, zu dem sich auch der Rabbi Paulus bekannte, war der Messias ein überirdisch-himmlisches Wesen nach Art der höchsten Erzengel, das am Ende der Tage vom Himmel her mit Macht und Herrlichkeit zur Schaffung einer neuen, besseren Welt erscheinen sollte. Deshalb empfand es auch der Rabbi Paulus zunächst als etwas Lästerliches, in einem am Verbrecherpfahl des Kreuzes gestorbenen Menschen wie Jesus von Nazareth den himmlischen Messias zu sehen (S.42f). Mit einer Christuserscheinung änderte sich allerdings alles für ihn. „Seinen bisherigen Messiasglauben gibt er nicht einfach preis, sondern verbindet ihn jetzt mit dem von ihm bisher bekämpften Gedanken, dass der himmlische Messias, an den er bisher schon glaubte, nun eben doch in der Person Jesu von Nazareth bereits auf Erden erschienen und nunmehr nach seinem Tod zum Himmel erhoben worden sei“ (S. 44). Die Christusvision versteht er als Berufung dazu, in der ganzen damals bekannten Welt, d. h. im römischen Weltreich, den gekreuzigten Messias Jesus von Nazareth als den gekommenen Messias zu verkündigen, und zwar unabhängig von den Uraposteln. Indem sich vom Geist Christi erfüllt wusste, als eine neue Kreatur in Christus fühlte, folgte er hingebungsvoll und konsequent dieser Berufung. Dabei zeigt er sich zugleich als unerbittlich-fanatisch und liebevoll-demütig, innerlich gebunden und innerlich frei.

Die letzten beiden Kapitel skizzieren die paulinische Theologie aus der Perspektive Martin Werners (V. Die Eigenart des Christusglaubens des Paulus – S. 65-77, und: VI. Die Bedeutung des Christusglaubens des Paulus für uns – S.78-90). „Unter allen Aposteln vertritt einzig Paulus die eigenartige Auffassung, dass das Weltende nicht etwa erst mit der baldigen Wiederkunft Jesu beginnen werde, sondern dass es, obschon davon äußerlich noch nichts zu bemerken ist, mit dem Tod und Auferstehung Jesu schon begonnen habe. So ist Paulus der einzige unter allen Aposteln, der sagen kann, dass Christus sich im Tode dahingegeben habe, um die Gläubigen aus der bestehenden argen Welt herauszureißen, ja, dass mit dem gekreuzigten Christus die bestehende Welt selber gekreuzigt worden sei (Gal 1, 14; 6, 14). … Für die Urapostel ist die Überzeugung des Paulus, dass mit dem Tod Jesu das Weltende unsichtbar bereits begonnen habe, etwas Unbegreifliches und Anstößiges gewesen. Das zeigt uns sehr deutlich der heftige Streit, der zwischen ihnen und Paulus ausbrach, weil Paulus die Auffassung vertrat, durch den Tod Jesu habe auch das mosaische Sinaigesetz seine Gültigkeit verloren, und darum sollen Heiden, Nichtjuden, die sich zum Christusglauben bekehren, nicht mehr auf dieses Gesetz verpflichtet werden. Für Paulus gilt Christus eben deshalb als dieses «Gesetzes Ende» (Rm 10, 4), weil mit seinem Tode sichtbar das Ende der bestehenden Welt (und so auch der für sie bisher geltenden äußeren Ordnung) schon begonnen hat (S. 68.) Allerdings rechnete Paulus, so sehr er vom Anbruch der neuen Welt „schon jetzt“ überzeugt war, mit der baldigen Wiederkunft Christi, die den Schwebezustand des „Schon jetzt – und Noch nicht“ ein Ende setzen würde. Eben das gab ihm Gelassenheit und große innere Freiheit in der bestehenden Welt um ihn herum; er entwickelte keine neue Ethik, ließ ihn die äußeren Verhältnisse hinnehmen, so wie sie waren.

Martin Werner arbeitet die Situations- und Zeitbedingtheit der paulinischen Theologie in vielen Einzelaspekten heraus. Vor allem kontrastiert er sie mit unserer heutigen Einstellung zum Verlauf der Geschichte. Uns bestimmen weder die Naherwartung der Wiederkunft Christi noch der Glaube an eine in dem Gekreuzigten angebrochene neue Weltzeit. Das „hat zur Folge, dass unser Christusglaube in einer bestimmten Hinsicht einen anderen Sinn hat als der Christusglaube des Paulus. Für uns gehört es nicht zum Wesen des Christusglaubens, etwas ganz Bestimmtes wissen und erwarten zu können über die Zukunft der Welt. … Die Menschheit hat (aber für uns ) jedenfalls immer noch Zukunft und damit neue offene Möglichkeiten vor sich. Ihre Geschichte kann sich zum Guten oder zum Schlimmen wenden. Beides ist möglich“ (S. 82.) Und wir müssen dazu stehen, dass wir an unserer Stelle dafür verantwortlich sind und uns unguten Entwicklungen in unserer Welt nicht abfinden dürfen. Daher ist Martin Werner davon überzeugt, dass es „auch für uns einen tiefen Sinn (hat), dass Paulus, wenn er von Christus oder vom Christusgeist spricht, an eine lebendige geistige Macht denkt, die in der Menschheit wirksam ist, die den Menschen in Unruhe versetzt und es ihm nicht erlaubt, sich mit der Unvollkommenheit der Welt endgültig einfach abzufinden“(S. 83). Wenn sie den Menschen ergreift, ist es wie wenn ein helles Licht mitten in der Nacht aufscheint. Er erfährt eine große Freiheit zum Leben – es geschieht für ihn immer wieder als ein Wunder. „Die Freiheit, die der Christusgeist ermöglicht, ist für Paulus ein innerliches Erwecktwerden des Menschen, das ihn mitten in einer unvollkommenen Welt, in der er es mit dem Leiden, dem Bösen und der Vergänglichkeit zu tun bekommt, fähig macht zu einem Leben, das trotz allem wert ist, gelebt zu werden“(S. 86). Deshalb ist die paulinische Botschaft: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17) für Martin Werner das Vermächtnis des Apostels Paulus für uns heutige Menschen.

Martin Werners Paulusbuch ist etwas anderes und mehr als eine Skizze der Theologie des Apostels. Es ist der Versuch, wie der Berner Theologe selbst schreibt, den Apostel „als Persönlichkeit, in seinem Leben und Wirken und in seiner religiösen Eigenart, das heißt, … der Eigenart seines christlichen Glaubens“ (S.10) darzustellen und unserm ganz anderen Denken nahezubringen. So wird uns der Rabbi aus Tarsus verständlich als Mensch seiner Zeit und seiner religiösen Umwelt. Seine Gedankenwelt wird nicht als kirchengründende Lehre kanonisiert und für sakrosankt erklärt. Aber aus ihr erreicht uns die zentrale christliche Botschaft, die auch dem liberalen Theologen Martin Werner so wichtig ist:

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

Ich empfehle das Werk als wertvolles Geschenk für Menschen, die als Bibelleser an gediegener Vermittlung theologischer Arbeit interessiert sind. Es könnte gut auch Gegenstand in Lesekreisen sein, wo man mal eingehender ein Sachbuch und nicht nur Belletristik bespricht. Es ist auf jeden Fall ein Buch für kirchliche Erwachsenenbildungsarbeit und Lehrerfortbildung.

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