".... und die im Dunklen sieht man nicht!"

Ein Erfahrungsbericht aus der heutigen Arbeitswelt innerhalb und jenseits der Ev. Kirche

Von Hans-Jürgen Volk


"Die Kirchen stehen in der biblischen und christlichen Tradition von Recht und Erbarmen. Gott fordert die Menschen nachdrücklich dazu auf, aus Erbarmen zu handeln und sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Deshalb bemühen sich Christen um Arme, aber auch um gerechtere Strukturen in der Gesellschaft, die geeignet sind, Armut zu verhindern."

"Die Kirchen sind als Arbeitgeber, Eigentümer von Geld- und Grundvermögen, Bauherr oder Betreiber von Einrichtungen und Häusern auch wirtschaftlich Handelnde. Sie können nicht Maßstäbe des wirtschaftlichen Handelns formulieren und öffentlich vertreten, ohne sie auch an sich selbst und das eigene wirtschaftliche Handeln anzulegen."

Aus dem Sozialwort der Kirchen von 1997

"Man darf den Einzelfall nicht überbewerten und ihn erst recht nicht zur Grundlage von Entscheidungen machen!" sagt mir mein Gesprächspartner. Recht hat er. Eine Überbewertung von singulären Erfahrungen führt zu Vorurteilen und Ressentiments. Fehlentscheidungen sind die Folge. Ergibt sich aus Einzelfällen jedoch ein Muster, dass mit statistischen Erhebungen korreliert, muss dies zu einer Neubewertung von Sachverhalten führen. Wer sich Alltagserfahrungen konsequent verschließt, bewegt sich stetig in ein Paralleluniversum weltfremder Ideologie.

Dass die Verhältnisse heutiger Arbeitswelten Menschen im wachsenden Ausmaß krank machen, belegen die regelmäßigen Berichte der Krankenkassen. Beunruhigend ist vor allem die steigende Anzahl psychischer Erkrankungen, die allzu oft in die Berufsunfähigkeit führen. Jetzt ist die Versuchung groß, einen sozialpolitischen Artikel zu schreiben. Denn vieles spricht dafür, dass die Hartz-Gesetze, die Privatisierung von einstmals öffentlichen Unternehmen sowie die Ausdehnung von Marktmechanismen bzw. Marktsimulationen auf weite Teile des verbliebenen öffentlichen Sektors wichtige Ursachen dieser Entwicklung sind. Doch ich möchte in erster Linie einige Geschichten von Menschen umreißen, die in dieser oft kalten Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft unter die Räder gekommen sind.

Moritz

Moritz, ein junger, großgewachsener Mann Mitte 20 ist ein richtiger Typ - jemand, der anpackt, der organisieren kann und die Fähigkeit besitzt, eine ganze Halle mit Jugendlichen positiv anzusprechen und in Stimmung zu bringen. Es war für mich in den letzten Jahren eine Freude, seine Entwicklung zu verfolgen, zumal er sich mit seinen Fähigkeiten in die kirchliche Jugendarbeit einbringt.

Da er sich immer mal wieder bei mir aussprach, weiß ich auch um seine Probleme und seinen Kummer. Er tat sich schwer damit, gradlinig ins Berufsleben einzusteigen, begann eine handwerkliche Ausbildung und brachte schließlich eine kaufmännische Lehre zum Abschluss. Seit einiger Zeit arbeitet er in einem ehemaligen Staatsbetrieb in der Verwaltung.

Vor einigen Monaten nahm er mich mehrfach wegen privaten Problemen als Seelsorger in Anspruch. Ich nahm war, dass es ihm insgesamt nicht gut ging. Dennoch erschütterte es mich, als ich vor einigen Wochen hören musste, dass sich Moritz in der Psychiatrie befände. Als ich ihn besuchte, hörte ich eine Geschichte, die exemplarisch ist für etliche andere Menschen aus meinem Umfeld. In seiner Abteilung war im Frühsommer die tragende Kraft in den Ruhestand gegangen. Wenig später kündigte ein weiterer Mitarbeiter. Sein Arbeitgeber signalisierte ihm große Wertschätzung verbunden mit der Erwartung, dass er für eine begrenzte Zeit die Arbeit der ausgeschiedenen Kollegen kompensieren solle. Einige Wochen ging dies halbwegs gut. Doch niemand kann auf Dauer die Arbeit schultern, die ursprünglich einmal von 3 Personen geleistet wurde. Und die Ankündigung, das zumindest eine der freien Stellen bald neu besetzt würde, wurde bis heute nicht umgesetzt. Zur wachsenden psychischen Belastung wurde für Moritz die Tatsache, dass er lediglich auf der Grundlage eines Zeitvertrages angestellt war. "Wenn Sie sich bewähren, haben Sie gute Chancen, dass der verlängert wird. Und bei überdurchschnittlicher Leistung wächst Ihre Aussicht auf eine unbefristete Anstellung." - so seine Vorgesetzten.

Moritz nahm bald Arbeit mit nach Hause, Schlafstörungen stellten sich ein. Er kam einfach nicht mehr nach. Vor einigen Wochen kippte er an seinem Arbeitsplatz einfach um, wurde zum Arzt und schließlich in die Psychiatrie gebracht. Bis dahin ist die Geschichte schon schlimm genug. Doch es sollte noch ärger kommen. Erst ein paar Tage war Moritz im Krankenhaus, da kam ein Anruf von einem seiner Vorgesetzten. Der erkundigte sich nach seinem Befinden. Dann mahnte er: "Hoffentlich sind Sie bald wieder an Bord. Denken Sie dran, Ende Dezember läuft Ihr Arbeitsvertrag aus."

Johannes

Johannes ist Ende 40. Er hat viel zu bieten. Sein Vater war etliche Jahre Inhaber einer Auslandspfarrstelle in Brasilien, dort ist Johannes geboren und aufgewachsen. Er beherrscht die Sprache seines Geburtslandes. Nach dem Abitur erlernte er zunächst einen Handwerksberuf. Nach Abschluss seiner Ausbildung entschloss er sich zum Theologiestudium. Noch während des Studiums heiratete er. Während des Vikariats wurden zwei Kinder geboren. Es folgten ein paar Jahre im Sonderdienst.

Nach 2006 änderten sich plötzlich die Spielregeln, der Sonderdienst wurde abgebaut, der Zugang zum Pfarrdienst massiv erschwert. Herrschte zuvor in der rheinischen Kirche insgesamt eine Atmosphäre der Solidarität, so gab es nun einen gnadenlosen Konkurrenzkampf von mehreren Hundert Sonderdienstlern, Vikarinnen und Vikaren sowie Warteständlern um die wenigen freien Pfarrstellen. Johannes landete im Schuldienst auf der Grundlage eines Angestelltenverhältnisses. Dies war allerdings nicht seine Sache.

Als mir Johannes vor wenigen Jahren das erste Mal begegnete, hatte er gerade die Scheidung von seiner Frau hinter sich und war arbeitslos. Sein rechtlicher Status war der eines "Pastors im Ehrenamt". Wenige Wochen nach unserer ersten Begegnung erlitt Johannes einen schweren Herzinfarkt, dem sich weitere gesundheitliche Komplikationen anschlossen. Wir blieben in dieser Zeit in Kontakt, zumal er mich zunehmend als Seelsorger in Anspruch nahm. Nach vielen Monaten Reha und Rekonvaleszenz hielt er die erste Predigt in einem unserer Gottesdienste. Das war eindrucksvoll! Man spürte, dass er auf einen reichen Fundus kontrastreicher Lebenserfahrung zurückblicken konnte. Dies verband er theologisch sauber mit einer lebensnahen Verkündigung, die die Menschen auf wohltuende und hilfreiche Weise ansprach. Auch in anderen Gemeinden übernahm er Vertretungsdienste und erhielt dort ebenfalls eine durchweg positive Resonanz.

Auch die offene, einfühlsame Art, mit der er auf Gemeindeglieder einging, ließ in mir die Überzeugung wachsen, dass er einen recht guten Gemeindepfarrer abgeben würde. Ich ermutigte Johannes, sich zu bewerben. Zweimal bisher stellte er sich dem zentralen Auswahl- und Bewerbungsverfahren der rheinischen Kirche. Beim ersten Mal spielten seine Nerven nicht mit. Entsprechend schlecht schnitt er ab. Der zweite Anlauf gelang deutliche besser. Offenbar nur knapp verfehlte er sein Ziel. Außerdem bewarb sich Johannes bei etlichen Landeskirchen, bisher ohne Erfolg. Die Niederlagen zehren an seinem Nervenkostüm. Immer wieder stellt er sich die Frage, ob es an ihm liegt, dass seine intensiven Bemühungen bisher so ganz ohne Erfolg waren.

Monika und Bernd

Die Geschichte von Monika und Bernd gleicht in Vielem der von Johannes. Sie haben recht gute Zeiten im kirchlichen Dienst hinter sich, allerdings stets in ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Sie sind Ende 40 und haben drei Kinder. Jetzt stehen sie vor dem beruflichen Aus und dem sozialen Abstieg.
Heute sind sie psychisch mitgenommen und haben Angst. Denn im Laufe ihrer beruflichen Biographie sind sie ohne eigenes Verschulden mit den falschen Leuten in Konflikt geraten. Gerade dann, wenn man engagiert und neu ist, kann man auf Tretmienen stoßen. Hierzu gehören ökonomisch oder politisch mächtige Figuren, die sich innerhalb der Kirche einbringen.

Monika und Bernd kamen gut bei den Menschen an. Für Manche waren sie allerdings unbequem, weil sie bestimmte Umbauprozesse in Frage stellten und zudem politische Zusammenhänge herstellten zwischen Veränderungen innerhalb der Kirche und der Gesellschaft. Spricht man mit ihnen, so begegnen einem sensible, wahrnehmungsfähige Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Fast 10 Jahre soziale Unsicherheit in Verbindung mit einigen unguten Konflikten haben ihre Spuren hinterlassen.

Menschen sind kein Wegwerfprodukt

Moritz, Johannes, Monika und Bernd stehen für viele andere. Einzelfälle? - mag sein. Gewiss gibt es auch Unternehmen, die fair und sozial mit ihren Beschäftigten umgehen. Vermutlich gilt dies auch für zahlreiche kirchliche Körperschaften und diakonischen Einrichtungen. Ich könnte allerdings etliche weitere Geschichten erzählen: Von Anke z.B., die einst mit Hilfe eines Hochbegabten-Stipendiums ihr Studium finanzierte, in der rheinischen Kirche allerdings nie über den Sonderdienststatus hinaus kam, schließlich kapitulierte und am Ende sogar ihre Ordinationsrechte zurückgab. Oder Martin, der als Jugendpastor im Angestelltenverhältnis eine tolle Arbeit gemacht hat und heute Lehrer für Deutsch und Latein ist. Auch er gehört zur "Generation Sonderdienst" und sagte mir, obwohl er sonst meist gute Laune verströmte, beim Abschied ziemlich verbittert: "Mit der rheinischen Kirche bin ich fertig."

Wenn es denn Einzelfälle sind, so weisen sie auf ein zum Teil haarsträubendes Fehlverhalten von Vorgesetzten hin. Im Fall von Moritz ist dies eindeutig, spätestens der zusätzlichen Druck erzeugende Anruf in der Psychiatrie ist im Grunde nichts anderes als ein krimineller Akt, der vermutlich auch bei der Mehrheit der Vorstände des Konzerns, für die Moritz arbeitet, Entsetzen auslösen dürfte. Diese Vorstände haben jedoch die Verantwortung dafür, dass in diesem Konzern gerade bei Berufseinsteigern mit Zeitverträgen gearbeitet wird. Sie haben ebenfalls die mittlere Managementebene dazu angeleitet, permanent Effizienzsteigerungen anzustreben und mit möglichst wenig Personal möglichst viel zu leisten.

Menschen wie Johannes, Monika und Bernd, die sich als Pastoren im Ehrenamt oder in ungesicherten Arbeitsverhältnissen an der Peripherie unserer Kirche bewegen, lösen denkwürdige Abwehrreflexe aus. Ihr vorläufiges Scheitern wird mitunter mit Militanz als individuelles Versagen diagnostiziert. So hält man sich die Not Anderer vom Leib. Monika und Bernd haben mir eine umfangreiche Dokumentation zur Verfügung gestellt. Darin enthalten sind Briefe und Mails von Kollegen und Vorgesetzten, die eine Empathieunfähigkeit ausstrahlen, die einen frieren lässt. Was es bedeutet, wenn man fast 10 Jahre lang mit seiner Familie in Unsicherheit und Existenzangst verbringen muss, wird verdrängt. Man lässt es nicht an sich ran.

Hierbei handelt es sich um individuelles und letztlich auch um geistliches Versagen. Das strukturelle Problem der rheinischen Kirche beginnt spätesten in den Jahren 2005 und 2006, als Landessynode und Kirchenleitung sich zu einem harten Schnitt entschlossen. Der Sonderdienst sollte auslaufen, der relativ hohe Wartestand abgebaut und der Zugang zum Pfarrdienst zentral geregelt werden. Zugleich sollten Pfarrstellen noch drastischer als bisher abgebaut werden. Eine ganze Generation von jungen Theologinnen und Theologen stand mit einmal vor dem beruflichen Aus. Das gleiche galt für mehrerer hundert Sonderdienstler im mittleren Alter und überwiegend mit Familie. War diese Entwicklung auf dem Hintergrund deutlich sinkender Kirchensteuereinnahmen wenn auch nicht in dieser Radikalität, so doch in der Grundrichtung nachvollziehbar, so hört das Verständnis spätestens in den Folgejahren auf, als sich frühere Finanzprognosen als irrig erwiesen und sich die Kirchensteuereinnahmen wider Erwarten positiv entwickelten.

Doch bis heute erhalten Johannes, Monika und Bernd und die vielen Anderen, für die sie exemplarisch stehen keine echte Chance, obwohl sich bereits in den Peripherieregionen der rheinischen Kirchen ein bedrückender Mangel an pastoralem Personal abzeichnet. Im Gegenteil: Stellen sie sich dem zentralen Auswahl- und Bewerbungsverfahren oder werden sie von Vorgesetzten beurteilt, so wendet man ihre psychischen Probleme und ihre Unsicherheiten, die durch jahrelangen Existenzdruck verursacht wurden, gegen sie. Man sieht nicht die Potentiale sondern blickt auf die wunden Stellen und Defizite, die man in großen Teilen selbst zu verantworten hat. So werden soziale Eistenzen buchstäblich vernichtet, denn für evangelische Theologinnen und Theologen ist die Kirche Monopolarbeitgeber. Man hat keine wirkliche Chance, beruflich auszuweichen, zumal dann nicht, wenn man Ende 40, Anfang 50 ist. Dies gilt in gewissem Umfang auch für andere kirchliche Berufsgruppen wie Kirchenmusiker oder Gemeindepädagogen.

Das Sozialwort der Kirchen sprach von einer "Tradition von Recht und Erbarmen". Unsere heutige Arbeitswelt hat in vielen Konzernen und Unternehmen und leider auch in manchen kirchlichen Körperschaften mit Erbarmen nichts mehr zu tun, oft auch nicht einmal mehr mit Recht. Die gesellschaftlichen Kosten sind hoch, zu hoch! Denn die Gesellschaft muss für die Schädigungen aufkommen, die von einigen kaltherzigen Arbeitgebern, die sich von Menschen in dem Moment trennen, wenn sie aus ihrer Sicht ihre Funktionalität verlieren, verursacht werden.

Eine bleibende Verantwortung

Ein Konzern kann sich einigermaßen straflos von Mitarbeitern trennen - so kurzsichtig ein Management auch ist, dass vorrangig auf Quartalszahlen, Kosten und Rendite schaut. Für eine Kirche ist Derartiges verboten.

Unsere Kirche hat eine bleibende Verantwortung für Menschen wie Johannes, Monika und Bernd und die Vielen anderen. Sie hat ihren Sündenfall hinter sich, indem sie es zuließ, dass ein in Konzernetagen weit verbreitetes und ziemlich banales Ressentiment auch in Kirchenleitungen und Synoden aufgenommen wurde: Nur durch Finanzdruck ließen sich Veränderungen herbeiführen. Diesem Druck haben Einzelne nicht standgehalten. Es mögen Einzelfälle sein. Es bedarf allerdings individueller und struktureller Bemühungen, diesen Menschen dabei zu helfen, ihren Platz zu finden entsprechend den Gaben, die Gott ihnen geschenkt hat. Diese Verantwortung bleibt!