Zügig auf dem Weg in die Sackgasse

Landessynode übergeht die Voten zahlreicher Kirchenkreise und Gemeinden
Von Hans-Jürgen Volk

Trotz etlicher kluger und kritischer Stimmen aus den eigenen Reihen hat die Landessynode 2012 der Ev. Kirche im Rheinland die Voten zahlreicher Kreissynoden und Gemeinden übergangen und für ein forcierte Fortsetzung des insgesamt fragwürdigen Reformkurses gestimmt. Im Brennpunkt der Kritik standen die Beschlussvorlagen zur Personalplanung und zur Verwaltungsstrukturreform. Bei beiden Themen setzten sich die Vorstellungen der Kirchenleitung durch, ohne dass es zu nennenswerten Angeboten an diejenigen gekommen wäre, die sich für eine stärkere Verantwortlichkeit vor Ort einsetzen und damit die Substanz der presbyterial-synodalen Ordnung verteidigen wollen.

Präses der Synode

Überraschen kann diese Entwicklung eigentlich nicht. Bereits im Vorfeld der Synode zeichnete sich die kompromisslose Linie der Kirchenleitung ab. Auf der Landessynode im vergangenen Jahr konnte ihr zwar noch eine schwache Form der Einflussnahme von unten durch das Instrument der Regionalkonferenzen abgerungen werden. Dort meldeten sich zahlreiche kritische Stimmen am Reformprozess zu Wort, deren Beiträge immerhin protokolliert und somit auch wahrgenommen wurden. Man ließ es allerdings nicht zu, dass es zu substanziellen Richtungsänderungen bei den Reformprojekten kam, sondern gestattete lediglich kosmetische Korrekturen.

Dass der Wunsch nach stärkerer Beteiligung bei den eigenen Angelegenheiten auf taube Ohren stoßen würde, zeigte endgültig der Präsesbericht von Nikolaus Schneider (Vgl. http://www.ekir.de/www/downloads/PT_Praesesbericht_2012.pdf). Schneider wirkte beim Vortrag zu Beginn erschöpft wie selten zuvor. Es war zu erahnen, welch harte Wochen nicht zuletzt durch die bbz-Affäre hinter ihm lagen. Engagierter wurde er, als er auf die „Ordnung und Veränderung der kirchlichen Strukturen“ zu sprechen kam. Mit Hinweis auf die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung mahnte er an: „In diesem Sinne will die presbyterial-synodale Ordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland eine schrift- und bekenntnisgebundene Verfassung für das kirchliche Leben im evangelischen Rheinland bieten. Alle Reformen müssen deshalb dem Geist dieser Ordnung entsprechen.“ Dem kann man nur uneingeschränkt zustimmen!

Dann jedoch erteilte Schneider der Forderung nach einer stärkeren Beteiligung von unten eine Absage und verteidigte mit sattsam bekannten Argumenten die „repräsentative Leitungsstruktur“ der rheinischen Kirche: „Kreis- und landessynodale Entscheidungen sind … repräsentative Selbstleitung der Gemeinden.“ Die Beschlüsse der Landessynode „binden Kirchenkreise und Gemeinden deshalb nicht als Ausdruck von Zwang und Gehorsam, sondern als Ausdruck repräsentativer Selbstleitung! Deshalb muss es ganz wenigen Fragestellungen vorbehalten sein, für deren Beantwortung neben der Befassung der repräsentativen Leitungsorgane auch eine direkte Befassung in den Gemeinden stattfindet.“ „Bei Fragen nach der Organisation unserer Verwaltung ist die repräsentative Entscheidungsstruktur unserer Kirche meiner Ansicht nach ausreichend.“

Auf die Fragwürdigkeit dieser Argumentation weist Manfred Alberti unter http://www.presbyteriumsdiskussion-ekir.de/ (LS 2012 Präsesbericht Kommentar) hin.

Es ist zudem der Verlauf der Landessynode 2012 selbst, der die Aussagen Schneiders ins Unrecht setzt. Eine Landessynode, die kompromisslos die Befindlichkeit großer Teile der eigenen Basis übergeht, stellt die repräsentative Entscheidungsstruktur als hinlängliches Modell bei Problemen, die Kirchenkreise und Gemeinden entscheidend betreffen, selbst in Frage.

Im weiteren Verlauf der Synode erwies sich Nikolaus Schneider einmal mehr als glänzender Verhandlungsführer - einfühlsam, verbindlich im Ton auch gegenüber kritischen Stimmen und hellwach. Er ist ein bemerkenswerter Präses der Landessynode, der seine Anliegen im Schatten der weiteren wichtigen Funktion des EKD-Ratsvorsitzenden geschickt vorantreibt. Bedrückend ist allerdings, dass die Funktion des Präses der Ev. Kirche im Rheinland, der alle Christinnen und Christen der Landeskirche repräsentieren sollte, mindestens in der Zeit vom 8. - 13. Januar 2012 vakant war. Merkt Schneider nicht, wie demotivierend und verletzend die von ihm vorgegebene oder zumindest mittgetragene Linie auf Menschen unserer Kirche wirkt, die sich im Vorfeld der Synode mit großem Engagement eingebracht haben aus Sorge um ihre Situation vor Ort?

„Eine Leitungskrise“

In einem klugen Beitrag sprach ein Synodaler von einer Leitungskrise unserer Kirche. Er begründete dies damit, dass die verschiedenen Leitungsebenen seit einiger Zeit nicht mehr konstruktiv ineinandergriffen. - Richtig ist, dass die Kommunikation spätestens seit 2006 weitgehend von Oben nach Unten erfolgt. Die Organe der Landeskirche haben ein problematisches Eigenleben entwickelt, das über die Superintendentinnen und Superintendenten sowie die Mitglieder der landeskirchlichen Ausschüsse vielleicht noch die Leitungsebene der Kirchenkreise erreicht, die Ebene der Presbyterien jedoch weitgehend abhängt.

Besonders nach den Berichten von Schneider und Drägert fehlte es nicht an kritischen Stimmen. Man forderte mehrfach eine Entschleunigung des Reformprozesses und wies auf die zunehmende Überforderung der Leitungsorgane sowie der Beschäftigten (insbesondere in den Verwaltungen) hin. Die Landessynode setzte sich mehrheitlich über diese Voten hinweg und forcierte mit ihrem Beschluss zur Verwaltungsstrukturreform den rheinischen Reformprozess um einige zusätzliche Drehzahlen. Alleine schon deswegen führt der Reformprozess mit noch größerer Geschwindigkeit in die Sackgasse.

Besonders bedenklich ist der Verzicht um das Bemühen um Einmütigkeit, das die unterschiedlichen Leitungsebenen in ihrer Gesamtheit im Blick hat. Wenn man die Anliegen von Kreissynoden bei der neuen Verwaltungsstruktur schlicht ablehnt eingedenk der Tatsache, dass die Mehrzahl dieser Kreissynoden mit besonderer Intensität von Strukturveränderungen betroffen sein werden, handelt man nicht nur äußerst unklug, sondern schwächt die Legitimität der eigenen Beschlüsse. Formal bewegt man sich im Rahmen der Kirchenordnung, in geistlicher Hinsicht versagt man jedoch auch gegenüber den eigenen Ansprüchen. Die Landessynode 2012 hat die Schwächen des Systems der von Schneider angepriesenen „repräsentativen Selbstleitung der Gemeinden“ offen gelegt.

Die unerträgliche Diskontinuität zwischen Wort und Tat

Im Eröffnungsgottesdienst hielt Oberkirchenrat Manfred Rekowski eine hochinteressante Predigt, die vor allem in ihrem ersten Teil eine Reihe von wegweisenden Aussagen enthält (Vgl. http://www.ekir.de/www/downloads/20120108_PT_Reko_Landessynode_begonnen.pdf). „… die Konzentration auf die Optimierung der Institution bringt uns in Sackgassen. Wir werden wahrgenommen als eine mit sich selbst beschäftigte Organisation und sind es vielfach auch. Bei uns gilt inzwischen oft: nach der Reform ist vor der Reform.“ „Aus der Kirche der Reformation ist vielfach die institutionalisierte Kirchenreform geworden.“ - Sätze wie diese könnten aus einem Beitrag der „Zwischenrufe“ der letzten Monate stammen. Dann bringt es Rekowski auf den Punkt: „Kirchenreform beginnt mit dem Hören auf Gottes Wort ….“

In seinem Bericht verfolgte Nikolaus Schneider einen ähnlichen Duktus und rückte die Barmer Theologische Erklärung als Orientierungsrahmen der Reformmaßnahmen in den Vordergrund.

Man möchte jetzt von Herzen gerne erfreut ausrufen: Also sind wir uns einig! Doch offenkundig besteht bereits in dem Gebrauch des geistlichen Worts ein tiefer Dissens.

Wo bitte kann man die Wirkung auf das Hören von Gottes Wort am Beginn und im Verlauf der rheinischen Kirchenreform ausmachen? Welche theologischen Erkenntnisse waren 2005 handlungsleitend für die Autoren der Papiere der beiden landeskirchlichen Arbeitsgruppen zur Kirchenverfassung und zum dienst- und Arbeitsrecht? Die geistlichen Einsichten, die bei der Entwicklung des zentralen Auswahl- und Bewerbungsverfahrens Pate gestanden haben, sollten doch endlich transparent gemacht werden. Der Umgang der Kirche mit ihrem Geld hat wohl zweifelsohne ebenso eine theologische Dimension wie die Frage der Leitung. Wo also spielte Theologie bei der Entwicklung der vielseitigen NKF-Konzepte die entscheidende Rolle?

Am Anfang der rheinischen Kirchenreform stand eben nicht das Hören auf Gottes Wort, sondern ein Finanzalarmismus, der spätestens dann unseriös wurde, als man begann mit einfachen Formeln zu hantieren und sich auf haltlose Langfristprognosen der EKD bezüglich der Finanzkraft der Kirche in Jahrzehnten einließ. Statt sich an Jesus Christus, als dem einen Wort Gottes zu orientieren, kaufte man teuer die Dienste von BSL, Kienbaum und Steria Mummert ein, deren Konzepte zuvor bei Kommunen, Bundesländern und Unternehmen Anwendung fanden.

Hätte die Kirchenreform tatsächlich einen reformatorischen Impuls, müsste es signifikante Unterschiede geben zwischen kommunaler Doppik und kirchlichem NKF, zwischen der Philosophie der Gebietsreform z. B. in Rheinland-Pfalz und den Zielen der jetzt von der Synode beschlossenen Verwaltungsstrukturreform. Die Situation der Beschäftigten der Kirche müsste bezogen auf Arbeitsbelastung, Sicherheit des Arbeitsplatzes und Entlohnung besser gestellt sein als in der Wirtschaft. Dieser Nachweis ist kaum zu erbringen, stattdessen verwehrt man kirchlichen Beschäftigten grundlegende Rechte, die anderswo zumindest für ein Minimum an Fairness sorgen. Tatsächlich ist es so, dass die Reformprojekte der Kirche eine Anpassung darstellen an eine auf unerträgliche Weise ökonomisierte säkulare Umgebung, in der die „Verantwortungseliten“ aus Finanz- und Beraterindustrie zunehmend gegen demokratisch legitimierte Institutionen die Rahmenbedingungen bestimmen.

Die geistlichen Worte von Schneider, Rekowski und anderen, die man im Rahmen der Landessynode 2012 hörte, enthalten einen Auftrag. Dieser ist nicht in Einklang zu bringen mit den Strukturbeschlüssen, die gefasst worden sind. Wir sollten, wir müssen sie beim Wort nehmen!

„Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen!“
                                                   Apostelgeschichte 5,29

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“
                                                   2. Korinther 3,17