Das „Haus der Stille“ vor dem Aus?
Die Kirchenleitung einmal mehr auf Crashkurs mit der Zukunft
Von Hans-Jürgen Volk
Wir leben in aufreibenden Zeiten, in denen sich verschiedene Krisen übereinanderlegen. Am bedrückendsten ist die ökologische Krise, die eine zunehmende Erderwärmung sowie ein alarmierendes Artensterben zur Folge hat. Die Corona-Pandemie hat im Leben einzelner Menschen wie auch im Gefüge unserer Gesellschaft bleibende Schäden hinterlassen. Dann gibt es den Krieg zwischen Russland und der Ukrainer sowie eine profunde Wirtschaftskrise. Dass man in absehbarer Zeit wieder entspannt den Alltag gestalten kann ist nicht zu erwarten. Umso wichtiger sind in solchen Zeiten Orte, wo man auftanken und zur Ruhe kommen kann. Gäbe es eine solche Einrichtung nicht, müsste man ein „Haus der Stille“ gerade jetzt installieren. Die rheinische Kirche beabsichtigt, genau das Gegenteil zu tun: sie will das „Haus der Stille“ in Rengsdorf schließen.
„Du sollst deine Mitglieder nicht frustrieren!“
Dieser Satz müsste als eiserne Regel über dem Schreibtisch eines jeden Menschen in kirchenleitender Funktion gut sichtbar angebracht sein. Man gefällt sich dagegen seit mindestens 20 Jahren im Propagieren von „harten Entscheidungen“ und „schmerzlichen Abschieden“. Tagungshäuser, Gemeindezentren und mitunter auch Kirchen werden abgestoßen. Gerade Menschen, die sich bisher mit ihrer Kirche verbunden fühlten und die das kirchliche Leben tragen, werden so vor den Kopf gestoßen. Die Erfahrung zeigt, dass der eine oder andere Kirchenaustritt auf diese Entwicklung zurückzuführen ist.
Dies trifft auf das „Haus der Stille“ mutmaßlich in verstärktem Maße zu. Über 1000 Menschen nehmen durchschnittlich im Jahr die Angebote dieser Einrichtung wahr. Es existiert ein Förderkreis, der in erheblichem Umfang das „Haus der Stille“ finanziell unterstützt. Im Laufe der Jahre ist es für zahlreiche Menschen ein unverzichtbarer Ort zum Auftanken geworden. All diese Menschen würden durch die beabsichtigte Schließung des Hauses ihrer Kirche entfremdet.
Den Glauben, man könne mit einer hauptamtlichen Kraft mit einer dezentralen Struktur auch nur annähernd die Qualität und den Umfang der bisher geleisteten Arbeit aufrechterhalten, werden wohl auch Mitglieder der Kirchenleitung kaum ernsthaft vertreten. Das „Haus der Stille“ ist ein besonderer „kirchlicher Ort“, der auf Grund seiner speziellen Atmosphäre auch kirchenferne Menschen anspricht. Dies sollte man nicht auf’s Spiel setzen.
Eine Quelle der Frustration ist der Tatbestand, dass das „Haus der Stille“ bei weitem nicht das einzige Opfer landeskirchlicher Sparwut ist. Bereits vor Jahren wurde das Pastoralkolleg, ebenfalls in Rengsdorf, geschlossen. Das Predigerseminar in Bad Kreuznach existiert nicht mehr. Das pädagogisch-theologische Institut ehemals in Bonn verlor sein Tagungshaus. Im Landkreis Altenkirchen unweit von Rengsdorf wurde die Sozialakademie Friedewald geschlossen. Die Landjugendakademie in Altenkirchen soll wie das PTI und jetzt wohl auch das „Haus der Stille“ ihre Arbeit ohne eigenes Gebäude organisieren. Wie man hört, hat die AFD Interesse an der kirchlichen Immobilie. In den südrheinischen Kirchenkreisen gibt es keine einzige Einrichtung mehr, die von der Landeskirche oder der EKD getragen würde.
Nebenbei: die kirchlichen Angebote, die in diesen Tagungshäusern ursprünglich angesiedelt waren, konzentrieren sich jetzt auf Wuppertal oder Düsseldorf. Für interessierte Menschen aus den südrheinischen Kirchenkreisen hat dies lange Anfahrten zur Folge. Da es sich überwiegend um ländliche Regionen mit nur schwach ausgebautem öffentlich Verkehr handelt, werden dies Fahrten überwiegend im PKW zurückgelegt. Ökologisch ist das bedenklich!
Fragwürdige Prioritätensetzung bei den Finanzen
Seit mehr als 2 Jahrzehnten sind die Diskurse in der rheinischen Kirche geprägt von einem seltsamen Finanzalarmismus, der durch die reale Finanzentwicklung immer wieder in Frage gestellt wurde. Ab 2005 rechnete man mit einem Rückgang der Finanzkraft der Kirche von 1-2% im Jahr. Diese Prognose traf in den seltesten Fällen zu. Tatächlich stagnieren die Kirchensteuereinnahmen in der letzten Zeit, was angesichts steigender Kosten eine Herausforderung darstellt. Finanzrelevant dürfte mittlerweile auch die hohe Zahl an Kirchenaustritten sein.
Dass in den Gemeinden und Kirchenkreisen ein unangenehmer Finanzdruck entstand, hat weniger mit den der Entwicklung bei dene Kirchensteuereinnahmen zu tun. Zeitweise wurde bis zu 25% der Kirchensteuereinnahmen zurückgelegt, um zukünftige Versorgungsansprüche und Beihilfen abzusichern. Aktuell sind es immer noch ca. 18%. Die finanzielle Basis für den Arbeit mit Menschen vor Ort wurde darüber hinaus geschmälert durch steigende Verwaltungskosten. Alleine durch die Einführung des neuen kirchlichen Finanzwesens erhöhte sich der Bedarf an Vollzeitstellen in der Finanzverwaltung erheblich. Es gibt Kirchenkreise, die mit einer glatten Verdoppelung ihrer Verwaltungskosten aufwarten können. Werden im Gegenzug Stellen in der Jugendarbeit oder der Kirchenmusik abgebaut, von den Pfarrstellen gar nicht zu reden, entsteht eine geradezu toxische Situation, die unsere Kirche schwächt und die Kirchenaustritte provoziert.
Kipppunkt erreicht?
Man kann sich – noch – darüber streiten, ob diverse Sparmaßnahmen, die in der Aufgabe von Gemeindehäusern, dem Abbau von Pfarrstellen oder Stellen in der Jugandarbeit oder der Kirchenmusik, eine Situation herbeigeführt haben, wo der Einspareffekt durch den Kirchenaustritt von frustrierten Gemeindegliedern neutralisiert werden. Die Kirchenleitung argumentiert bemerkenswerter Weise mit steigenden Kirchenaustritten, um diverse Sparmaßnahmen zu begründen. Dass möglicherweise genau diese Sparmaßnahmen Kirchenaustritte provozieren, scheint den Verantwortlichen nicht in den Sinn zu kommen.
Auf diesem Hintergrund ist die geplante Schließung des „Hauses der Stille“ kaum nachzuvollziehen. Hier wird eine allseit geachtete Arbeit geleistet. Es gibt hervorrgande Fortbildungsangebote, die in diesen Krisenzeiten unverzichtbar sind. Für zahlreiche Menschen, die teilweise in den Kirchengemeinden vor Ort kaum angebunden sind, ist das „Haus der Stille“ zur geistlichen Heimat geworden. All diese Menschen treibt man mit solchen Entscheidung von der eigenen Kirche fort. Klug und menschenfreundlich ist das nicht!