Respekt für Margot Käßmann

Eine Predigt und ihre Folgen

Von Hans-Jürgen Volk

Es ist bemerkenswert, welche Irritationen und durchaus gehässigen Angriffe die EKDRatsvorsitzende Margot Käßmann mit ihrer Predigt am Neujahrstag 2010 im Berliner Dom hervorrief.

Authentisch und lebensnah predigt sie als Seelsorgerin: „Sich selbst konfrontieren mit den großen Fragen des Lebens, mit dem was mein Leben in Frage stellt, das braucht Mut und Vertrauen. Gottvertrauen, wie Jesus es meint mit dieser Aufforderung: Glaubt an Gott und glaubt an mich. Vertraut euch an! Ihr könnt nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Es ist eine Werbung dafür, auch die erschreckenden Elemente der Wirklichkeit nicht zu verdrängen, sondern sich ihnen mit Gottvertrauen zu stellen. So lässt sich ihre Predigt zur Jahreslosung aus Johannes 14,1 - „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ - zusammenfassen.

Bereits vor ihrer Neujahrspredigt hatte Margot Käßmann darauf hingewiesen, dass sich der Bundeswehreinsatz in Afghanistan auf Kollisionskurs mit Grundsätzen evangelischer Friedensethik befindet. Und auch in ihrer Predigt weicht sie einer an vielem erschreckenden Realität nicht aus:

„Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die
Sintflut! Da ist Erschrecken angesagt und Mut zum Handeln, gerade nach dem Klimagipfel
in Kopenhagen.

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber
hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten
getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges,
sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg
aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den
Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein
Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem
Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen
offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den
Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr
bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den
Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in
Dresden belächelt…

Nein, es ist nicht alles gut, wenn so viele Kinder arm sind im eigenen Land. Diese
Kinderarmut versteckt sich oft ganz still im Hintergrund. Da erzählt mir eine Mutter, dass
die Klasse ihres 15-jährigen Sohnes eine Reise ins Ausland geplant habe. Sie konnte das
erforderliche Geld nicht aufbringen. Die Klasse wollte ihn unbedingt dabeihaben und
gemeinsam haben sie das notwendige Geld aufgetrieben. Aber der Sohn wollte nicht
mitfahren, weil er sich zu sehr geschämt hat, dass andere für ihn bezahlen. Selbst als der
Lehrer anrief, ließ sich ihr Sohn nicht umstimmen. Er blieb als Einziger zuhause.
Nichts ist gut, Erschrecken ist angesagt, wenn es in einer Gemeinschaft so schwer, so
beschämend ist, Hilfe anzunehmen bei Jungen und Alten, bei Armen, Kranken und
Behinderten. Da braucht es einen tatkräftigen Glauben, der für die Würde jedes Menschen
eintritt.

Es ist nicht gut, nein, es ist entsetzlich traurig, wenn ein Spitzensportler Angst hat, seine
Depression offiziell behandeln zu lassen. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn seine
Krankheit öffentlich bekannt geworden wäre, hätte er kaum weiter Nationaltorwart bleiben
können. Dass sein Tod so viele Menschen berührt hat liegt wohl auch daran, dass Robert
Enke stellvertretend für die Ängste vieler steht. Sie wurden an die Abgründe der eigenen
Angst erinnert. Der Angst nämlich, nicht mehr mitzuhalten und nicht mehr eine Fassade von
Größe, Schönheit und Stärke aufrechtzuerhalten.

Nichts ist gut, wir erschrecken, wenn wir erkennen, wie bei uns eine solche Atmosphäre der
Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen – wie unmenschlich! Da haben
wir Zeugnis zu geben von der Nächstenliebe, die unserem Glauben entspringt.“


Diese Passagen geben nur einen kleinen Teil der Predigt von Käßmann wieder. Es geht ihr darum, das Ungute, Erschreckende nicht zu verdrängen und nicht zu beschönigen. Darüber hinaus tritt sie ein:

  • für mehr Fantasie für den Frieden und für alternative Formen der Konfliktbewältigung gegenüber der primären Anwendung von Waffengewalt;
  • für einen tatkräftigen Glauben, der für die Würde jedes Menschen eintritt;
  • für eine zeugnishafte Nächstenliebe, die dem Glauben entspringt.

Ein wenig erinnert Margot Käßmann an Menschen wie Heinrich Albertz, Erhard Eppler oder Kurt Scharf, die in den 70-er und 80-er Jahren mit ihrer Klarheit und Authentizität vor allem junge Menschen ansprachen und prägten. Bei ihr ist keine Spur von Selbstinszenierung auszumachen. Konsequent steht sie auf der Seite ihrer ZuhörInnen. Wohltuend ist dies angesichts der bedrückenden Wirklichkeit, dass allzu viele der medial Präsenten sich als „Marke“ verstehen
getragen von dem Bestreben, sich gut zu verkaufen. Käßmann wirkt so ganz und gar nicht käuflich, einfach nur echt und ehrlich.

Es lohnt sich, die ganze Predigt zu lesen; zugänglich ist sie auf der Homepage der EKD (www.ekd.de).

Erschreckend ist in der Tat die Reaktion mancher Zeitgenossen, da ist in der Tat kaum was gut. Im Grunde sind es die alten Reflexe, die man von früheren friedenspolitischen Debatten her kennt. Relativ sachlich ist noch die Kritik von Wolfang Schäuble, der auf das UN-Mandat des Afghanistan-Einsatzes hinweist. Er fordert mehr internationale Zusammenarbeit. „Davon darf man niemals einseitig lassen – es zu tun, wäre mit meinem Verständnis von globaler Verantwortung nicht vereinbar.“ Hat dies Käßmann etwa gefordert?

Ulrich Klose spricht Käßmann schlicht das Recht ab, sich als EKD-Ratsvorsitzende zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu äußern. Dann kommt das Totschlag-Argument: „Frau Käßmann vertritt mit ihrer Meinung die Position der Linkspartei.“ Da möchte man spitz kontern, dass möglicherweise die Linkspartei im Moment die größere Nähe zu friedensethischen Positionen des Protestantismus hat, als andere, zumal ein Ulrich Klose, und dass dies vielleicht eher gegen Klose als die Linkspartei spricht.

Dass ausgerechnet der Altgrüne und Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Füchs Käsmann in einem in der „Welt“ vom 02.01.2010 veröffentlichen „Offenem Brief“ Käßmann inhaltlich und eben auch persönlich angreift, ist erstaunlich und erschreckend in vielerlei Hinsicht. Er zeiht sie der Banalität und wirft ihr vor, im Brustton höherer moralischer Überzeugung politische Handlungsanweisungen zu erteilen. Die friedensethischen Maßstäbe der EKD bleiben für ihn im Dunkeln - offenkundig deswegen, weil er sich damit nicht beschäftigt hat.

Der Brief von Füchs ist gekennzeichnet durch eine quälende Widersprüchlichkeit: gerade weil Käßmann sich äußert als Predigerin und Seelsorgerin, gibt sie eben keine Anweisungen für das politische Tagesgeschäft. Das bezeichnet Füchs als banal und fordert im gleichen Atemzug konkrete Maßstäbe für politisches Handeln, um sich im nächsten Schritt gegen „politische Belehrungen von Kirchenoberen“ zu wehren. Füchs hat sich offensichtlich zu einem jener Menschen entwickelt, dem man es nur Recht machen kann, wenn man seiner Meinung ist.

Im Oktober 2007 hatte der Rat der EKD eine Friedensdenkschrift veröffentlicht mit dem Titel „Aus Gottes Friedens leben - für gerechten Frieden sorgen“. Hierauf bezieht sich Käßmann, und sie ist offenkundig Zeitgenossen wie Füchs, Schäuble oder Klose gänzlich unbekannt. Unterstützung erhält Käßmann vom Präses der Ev. Kirche im Rheinland Nikolaus Schneider. Schneider meint, es müsse dringend nach "Alternativen beziehungsweise Ergänzungen" zum aktuellen Afghanistan-Einsatz gesucht werden. Die Friedensdenkschrift der EKD fordere für jeden militärischen Einsatz klare Ziele, ein umfassendes Konzept und eine Ausstiegsstrategie als rechtfertigende Kriterien militärischer Gewaltanwendung. "Deren Fehlen stellt die Legitimität des Einsatzes in Frage".

Margot Käßmann macht Hoffnung. Sie hält politischen Entscheidungsträgern den Spiegel vor und konfrontiert diese mit der oft erschreckenden Realität aus der Perspektive der Betroffenen. Sie erinnert an grundlegende ethische Maßstäbe christlichen Glaubens und an dessen Kraftpotential. Dass sie von Manchen mit Recht als Störenfried wahrgenommen wird, zeigt nur, wie not-wendig ihre Äußerungen sind.