Gemeinde der Zukunft

Vortrag vor dem regionalen Strukturausschuss der Siegener Gemeinden - 30. Januar 2016
Von Pfr. i.R. Manfred Alberti - Wuppertal


Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihre Einladung. Ich bin sehr gerne nach Siegen gekommen. Die Ähnlichkeit zwischen Siegener Frömmigkeits- und Gemeindestrukturen mit Wuppertal ist historisch gesehen ja sehr groß.


Zeitströmungen oder der Wechsel von Zeitströmungen werden oft am Erscheinen von wichtiger Literatur oder Manifesten festgemacht:
- Der Thesenanschlag von Wittenberg 1517 steht als Bild für die Reformation,
- die Barmer Theologische Erklärung von 1934 für die Freiheit der Kirche von staatlicher Bevormundung
- und die EKD - Erklärung der „Kirche der Freiheit“ von 2006 steht für die Umorganisation der Evangelischen Kirche in Deutschland zu einer zentral geleiteten, von oben  hierarchisch organisierten Kirche, in der Gemeinden immer mehr an Bedeutung verlieren.

- 2014 ist nun wieder eine Veröffentlichung erschienen, die symbolisch stehen könnte für ein Umdenken: Die fünfte Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Mit diesen Untersuchungen möchte die EKD näheres Material dazu bekommen, wie sich die Mitgliedschaft der ev. Kirche zusammensetzt. Dabei geht es nicht nur um Alter und Geschlecht, sondern auch z.B. um die Motivation, weshalb sie Kirchenmitglieder sind, was das für sie bedeutet, was für sie wichtig ist, woran sie teilnehmen, wie sie darüber sprechen usw..

In  der 2014 veröffentlichten fünften Studie   (Anm. 1)   (Anm. 2)  hat man einem Aspekt besondere Beachtung geschenkt, der in den früheren Untersuchungen eher am Rande lag: Das Verhältnis der Christen zu ihrer Ortsgemeinde. Einer der Mitarbeiter der Studie, der Marburger Professor für Praktische Theologe Gerhard Wegner, hat in einem Artikel „Renaissance der Kirchengemeinde?“ im Deutschen Pfarrerblatt im Januar 2016 Ergebnisse  der Studie und des Auswertungsbandes sehr klar und einleuchtend zusammengefasst.  (Anm. 3) 

Eine Zahl ist besonders erhellend: 45 % der Kirchenmitglieder fühlen sich ihrer Ortsgemeinde „sehr“ und „ziemlich verbunden“, ebenso 44% der Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, die EKD und andere diakonische Einrichtungen fallen  demgegenüber weit ab: Nähere Berechnungen ergeben dann, dass „zwischen der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde und der der evangelischen Kirche keine Differenz unter den Befragten besteht“, und “dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche gleichzusetzen ist oder umgekehrt.“ (Anm. 4)   Das bedeutet, dass sich etwa 10 Millionen Menschen über ihre Ortskirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen, bei den anderen ca. 10 Millionen Kirchenmitgliedern ist überhaupt keine grosse Nähe oder Teilhabe an der Kirche festzustellen. Resultat: „Durch die Sichtbarkeit der Kirche in der Ortsgemeinde gewinnt die evangelische Kirche insgesamt ihre Sichtbarkeit.“ (Anm. 5) 

Diese V Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung signalisiert eine neue Sichtweise auf die Ortsgemeinde als Kernzelle der Kirche.

Auf diesem Hintergrund führt Wegner aus, warum die früheren Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der Ortsgemeinde keinerlei grosse Wichtigkeit beigelegt hätten, im Gegenteil: Die Ortsgemeinde galt jahrzehntelang als das grosse Problemfeld der Kirche: Veraltet, verachtet, überholt. Aus der Sichtweise der Strukturen des modernen Lebens mit Mobilität und weltweitem Horizont des modernen Menschen schienen die Strukturen einer Ortsgemeinde nicht mehr zeitgemäss. Sie schienen das Hauptproblem der Kirche zu sein.

Diese Kritik ging so weit, dass die Problembehebung nicht mehr in einer Korrektur der Ortsgemeinde gesehen wurde, sondern in ihrer Abschaffung. Zeichen für diese Sichtweise ist die von der EKD herausgegebene Schrift „Kirche der Freiheit“ von 2006 (Anm. 6).  Jahrelang war sie (und ist teilweise heute noch) Leitbild kirchlicher Organisationsgestaltung gewesen. Die Deutsche Evangelische Kirche sollte umgestaltet werden von einer kaum gestaltungsfähigen Masse von 15 000 weitgehend eigenverantwortlichen Gemeinden zu einer straffen, von oben geleiteten Organisation, die durch ihre zentrale Leitung schnell und einfach auf moderne Strukturen und modernes Image umgestaltet werden kann.

Im Hintergrund solcher Überlegungen stand eine jahrelange, gravierende Unsicherheit über den zukünftigen Weg der Kirche. Schwindende Mitgliederzahlen ließen viele Gemeinde immer kleiner werden. Gemeinden schienen unattraktiv zu sein, Predigten und Gottesdienste überholt, die Pfarrerschaft unfähig zu einer Erneuerung zu einer attraktiven Kirche. Drei Jahrzehnte Kirchenreformen in den Gemeinden schienen so gut wie nichts gebracht zu haben:

Zwar war zum Beispiel war Im Bereich der Gottesdienstgestaltung alles ausprobiert worden, was man überhaupt aus probieren konnte: Neue Formen, neue Orte, neue Zeiten, neue Konzepte, moderne Lieder und Bands, zielgruppengerichtete Gottesdienste: Im Grunde gab es nichts, was nicht ausprobiert worden wäre. Doch wirklich grundlegend verändert hat sich nur wenig: es hat sich keine neue Idee als so zündend erwiesen, dass sie den Mitgliederschwund hätte stoppen können oder wenigstens dem Gottesdienst wieder eine starke ausstrahlende Kraft gegeben hätte.

Gerade die alle zwei Jahre stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentage boten eine Fülle von Anregungen, ein von mehr als 100.000 überwiegend jungen Christen  besuchtes Fest: Ein bunter Markt der Möglichkeiten. Doch je mehr sie als moderne Form von Kirche galten, desto deutlicher wurde die Hartnäckigkeit bestehender Gemeindekultur. Nur wenige Ideen wurde auf breiter Front in den Gemeinden übernommen. Kirchentage blieben als Events eher folgenlos für die Ortsgemeinde.
 
Verändert hat sich in vielen Gemeinden vielleicht die Form der Chorarbeit: Bei einem schleichenden Tod traditionellen Kirchenchöre schossen Gospelchöre wie Pilze aus der Erde.

So galten jahrzehntelang Gemeinden weitgehend als unreformierbar und damit als Haupthindernisse auf dem Weg zu einer modernen attraktiven Kirche. Gemeindeleben wurde als unattraktiv angesehen für den modernen Menschen. Alle Versuche, neue Zielgruppen innerhalb der vom Gemeindekern entfernten Gemeindeglieder, der sogenannten Randsiedler, zu erreichen, schlugen bis auf wenige Ausnahmen fehl.

Auf die Idee, dass man hier vielleicht ganz falsche Erwartungen und Wünsche an die Kirche den Gemeindegliedern unterstellt haben könnte, kam man allerdings nicht. Das Traumbild einer modernen, attraktiven, ausstrahlenden Kirche schien die Lösung aller Probleme zu sein.

So schauten Kirchenleitende rund um die Jahrtausendwende neidisch und fasziniert auf eine florierende, erfolgreiche, explodierend wachsende Wirtschaft: Bewundert von aller Welt. So war es nicht verwunderlich, dass schleichend immer wieder Elemente dieser Wirtschaft und ihrer Leitungsstrukturen ausprobiert und übernommen wurden.

Nur ein Beispiel:  Personalgespräche. Vordergründig sicher eine gute Sache, dass Leitungspersonen in der Kirche, wie Superintendenten mit ihren einzelnen Pfarrern, Pfarrer als Presbyteriumsvorsitzende mit den einzelnen Mitarbeitern sich einmal im Jahr zusammensetzen, um über die Arbeit, die Zufriedenheit des Arbeitnehmers, seine Probleme zu sprechen: eine Art lobende, ermutigende Kritik sollte im Mittelpunkt stehen.

Kaum berücksichtigt wurde dabei, dass in der Wirtschaft solche Personalgespräche auch und vielleicht primär dazu dienen, die Mitarbeiter auf die Linie ihrer Firma einzuschwören: Kann er seinen Arbeitsplatz im Sinne der Firma gut ausführen? Wo kann er sich Ziele setzen, wie er im Sinne seiner Firma besser seine bisherigen Aufgaben und zukünftige neue erledigen kann? Wo sind in ihm Potentiale angelegt, die im Sinne der Firma gut ausgebaut und genutzt werden könnten?

Wenn in der Kirche Personalgespräche vordergründig gelobt wurden als Mittel zur Hebung der Mitarbeiterzufriedenheit, so dienten solche Gespräche in der Wirtschaft und schnell dann auch in der Kirche als Leitungsinstrument, das ganze Potential der Mitarbeiter durch Anreize und Druck für die Firma bzw. die Gemeinde zu aktivieren.

Aber wenn man Mitarbeiter in eine bestimmte Richtung eines Firmenzieles drängen will, dann muss man dieses Ziel auch kennen und nachvollziehbar schriftlich fixiert haben. So erarbeiteten sich nahezu alle Firmen mit nicht kleinem Aufwand solche Ziele als „corporate identity“. Grundsätze, die  die Firmenstruktur und Firmenziele, die Identität einer Firma, schriftlich festlegten.

Als in der Wirtschaft diese Arbeit an einer „corporate identity“ schon in grosser Kritik als weitgehend überflüssige und nutzlose Selbstreflexion stand, die mit dem Druckdatum faktisch schon überholt war, begann in der Kirche die grosse Arbeit an „Gemeindekonzeptionen“. Aus einer Bestandsaufnahme der Gemeindesituation, z.B. aus der soziologische Struktur der Bevölkerung und aus einer Analyse offensichtlicher Aufgaben, z. B. diakonischer Probleme,  sollte das Presbyterium zusammen mit der Gemeinde eine Gemeindekonzeption erarbeiten, wie diese Gemeinde in Zukunft aussehen sollte, welche Ziele sie erreichen sollte und wo sie ihre Schwerpunkte setzen möchte.

Dabei wurde aber nicht berücksichtigt, wie schnell sich Gemeinden verändern können, wenn neue Personen - haupt-oder ehrenamtlich - neue Akzente setzen und diese auf große Resonanz stoßen. Und es wurde nicht berücksichtigt, dass alle wichtigen Entscheidungen der Presbyterien auf einer aktuellen Problemanalyse beruhen müssen, aber nicht auf einer vor Jahren einmal beschlossenen Gemeindekonzeption.

Trotzdem wurde die so erfolgreiche Wirtschaft am Ende des letzten Jahrhunderts immer mehr zum Vorbild der Kirche, jedenfalls derer, die sich als Kirchenleitende verstanden. „Von der Wirtschaft lernen heißt siegen lernen!“ schien das unausgesprochene Motto zu sein.

Folglich wurden wirtschaftsleitende Kräfte berufen, auch an Leitungskonzeptionen der Kirche mitzuarbeiten, z.B. eine Direktorin der Deutschen Bank und ein langjähriger Direktor von McKinsey und Vorsitzender des Arbeitskreises  Evangelischer Unternehmer.

In diesem Geist entstand in den Jahren vor 2006 die Schrift „Kirche der Freiheit“, die ganz offen eine Umgestaltung der vorhandenen Kirche zu einer Kirche mit neuer Gestalt propagierte: Nicht mehr 15 000 kaum auf einen Nenner zu bringende Presbyterien und Kirchenvorstände sollten die Kirche der Zukunft prägen, sondern von oben sollte vorgegeben werden, wie Kirche zu sein hat.

Und dabei spielten Strukturen der Wirtschaft eine entscheidende Rolle: Wenn Kirche wie Wirtschaft funktionieren soll, dann braucht Kirche dazu gut bekannte „Markennamen“ und unverwechselbare, attraktive und moderne „Produkte“: medial ausstrahlende Leuchtfeuer.

Diese muss man in Instituten entwickeln und dann flächendeckend in den Gemeinden umsetzen. „Leuchtfeuer“ sollen die Markenkerne sein, die Kirche für die weite Bevölkerung attraktiv machen, weil sie permanent in der Öffentlichkeit für ein gutes Bild von Kirche sorgen: Im Grunde sollte Kirchenmitgliedschaft wirken wie der Stolz auf den Konsum eines Markenproduktes.

Mit dieser Schrift „Kirche der Freiheit“ begann 2006 eine große Umgestaltung der evangelischen Kirche von einer Zusammenarbeit von 15 000 eigenverantwortlichen Gemeinden zu einer hierarchisch strukturierten von oben geleiteten Kirchenorganisation. Oben wird vorgegeben, was unten gemacht wird.

Und damit ist das Dilemma auf den Punkt gebracht, was in der Kirche nicht klappen kann: Kirche funktioniert nicht wie Wirtschaft.

Am Beispiel sieht man das sehr deutlich:

Am Rande meiner früheren Gemeinde in Wuppertal  liegt das weltgrößte Pharmaforschungszentrum der Firma Bayer. Hier arbeiten mehrere tausend Mitarbeiter an der Entwicklung neuer Medikamente: Eine der florierendsten Firmen Wuppertals und des Rheinlandes. Selbstverständlich ist es in dieser Firma Aufgabe der obersten Leitungsebene, nach Kenntnis aller wichtigen Daten zu entscheiden, welche Forschungsprojekte erfolgversprechend erscheinen und dementsprechend fortgesetzt werden und welche zu beenden sind. Mögliche Fehlentscheidungen sind da inbegriffen.

Aber wenn eine Entscheidung gefallen ist, dann wird auch alles drangesetzt, dass dieses spätere Medikament zu einem Erfolg wird. Schließlich kostet die Entwicklung eines Medikamentes mehrere hundert Millionen Euro. Hakt die Entwicklung, weil an einer Stelle ein Forscher für eine Spezialfrage fehlt, wird ein solcher Spezialist weltweit gesucht und dementsprechend auch bezahlt.

Stellen Sie in ihren Gemeinden auch eine hochbezahlte Spezialistin ein, wenn irgendwo etwas nicht klappt?  Natürlich nicht, denn Gemeinde funktioniert ganz anders als die Wirtschaft. Gute Gemeindearbeit funktioniert nicht aufgrund genialer Einfälle und Entscheidungen der obersten Kirchenleitung, die unten umgesetzt werden, sondern gute Gemeindearbeit baut auf auf den Gaben und attraktiven Angeboten haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter.

Traditionell gab es in meiner Gemeinde ein Flötenangebot für Kinder. Seit Jahrzehnten eine oder manchmal zwei Gruppen zum Flötelernen und gemeinsamen Musizieren. Zweimal im Jahr wirkten sie in einem Gottesdienst mit. Nach der Pensionierung der Kirchenmusikerin kommt eine junge C-Musikerin mit einem besonderen Gespür für die Arbeit mit Kindern und in kürzester Zeit gibt es sieben altersunterschiedliche Gruppen mit siebzig Kindern. Ein Geschenk florierender Kinderarbeit für die Gemeinde. Das Presbyterium beschließt sehr schnell eine deutliche Ausweitung des Stundenumfangs der Kirchenmusikerin und einige Frauen aus der Seniorenarbeit bieten den während der Flötenstunden wartenden Eltern ein kleines Cafe an. Regelmäßige Mitwirkung von Flötenkindern im Gottesdienst machen die Flötenarbeit zusätzlich attraktiv. Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde besuchen den Gottesdienst und bei den jährlichen Vorspielnachmittagen ist das große Gemeindehaus zum Bersten gefüllt. Gelungene, erfolgreiche, ausstrahlende Gemeindearbeit.
 
Als die Kirchenmusikerin Wuppertal verlässt, sucht das Presbyterium intensiv nach einer geeigneten Nachfolgerin. Aber nach kurzer Zeit ist bei der neuen Kirchenmusikerin die Flötenarbeit wieder zusammengeschrumpft auf zwei kleine Gruppen.

Ein solches Geschenk erfolgreicher Arbeit für die Gemeinde kann man nicht planen und von oben durchsetzen. Es wächst aufgrund besonders guter Umstände, die zusammenpassen.

Noch ein anderes Beispiel für das Funktionieren von Gemeindearbeit:

Ein Bezirk dieser Gemeinde muss sich für ein Gemeindefest vor 25 Jahren ein attraktives Angebot überlegen. Einer hat die Idee, gebrauchte Bücher zu sammeln und zum Kilopreis zu verkaufen. Viele Bücherkisten werden nach einem Gemeindebriefaufruf vorbeigebracht und der Gewinn von damals 600 DM überstieg alle Erwartungen. Aber nur ein Bruchteil der Bücher ist verkauft. Was tun mit dem Rest? Eine Idee: Während des Weihnachtsmarktes an zwei Wochenenden im benachbarten Schloss Lüntenbeck machen wir einen Bücherbasar. Aufgerufen durch den Gemeindebrief werden einige zig Bananenkartons an Büchern gesammelt und am Tage vor dem Basar von fleißigen Helfern nach Themen sortiert und auf den Tischen des Gemeindehauses präsentiert: 50 Pfennig kostet ein Zentimeter Buchstapel. Und ein kleines Cafe lädt zum Warmwerden nach dem Weihnachtsmarkt draußen in der kühlen Dezemberluft ein.

Weil der Erlös von 3000 DM viel mehr ist, als man für die geplanten Kissen auf den alten Stühlen in der Kirche braucht, beschließen Mitwirkende und Presbyterium, direkt für neue Stühle zu sammeln. Nach zwei weiteren Bücherbasaren wird die Kirche neu bestuhlt. Ein Geschenk. Nicht planbar. Nach fünfzehn Jahren ist der Bücherbasar während des Lüntenbecker Weihnachtsmarktes mit einem Reinerlös von 47 000 DM an zwei Wochenenden wohl der erfolgreichste Basar des ganzen Rheinlandes. 2000 Bananenkartons mit Büchern werden gespendet und verarbeitet. Eine sehr engagierte Presbyterin und mehr als einhundert Mitwirkende gestalten alles. Viele bewerben sich darum, einmal an der Kasse sitzen zu dürfen. Und der Pfarrer hat das einmalige Erlebnis, am Eröffnungstag nach zweihundert Besuchern die Gemeindehaustür vor den einhundert draußen Wartenden verschließen zu müssen: Gehen drei hinaus, dürfen drei wieder hinein. Der Bücherbasar ist fast Kult geworden. Mitwirkende und Gemeinde freuen sich und der Bücherbasar wird ein Markenzeichen der Gemeinde. Ein großes Geschenk für die Gemeinde, nicht geplant, aber durch ein flexibles Presbyterium unterstützt und mit getragen.

Genug der Beispiele: Jeder von Ihnen wird eigene Erlebnisse mit beitragen können: Gemeindearbeit funktioniert anders als die Wirtschaft, grundsätzlich anders.

Gemeindearbeit ist angewiesen auf die freiwillig zur Verfügung gestellten Gaben vieler Ehrenamtlicher und auf das Charisma der ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden. Beides kann man nicht planen und nur wenig lenken. Aber durch diese Geschenke bekommt eine Gemeinde ihr Profil. Hier ist es eine vorrangige Aufgabe von Presbytern, Pfarrern und Mitarbeitenden, sehr hellhörig auf Chancen zu reagieren, Ehrenamtliche anzusprechen, zu ermuntern und zu engagieren.

Das ist alles nur sehr wenig planbar. Man kann manchmal gezielt auf Menschen zugehen, aber das erfolgreiche Wirken liegt kaum in unserer Hand. Es sind Geschenke, die man nicht einkaufen kann wie einen guten Mitarbeiter bei Bayer. Wirtschaft muss präzise planen, aber Gemeinden haben nur wenig Geld für planendes Handeln: sie bekommen ihr Profil von dem ausstrahlenden Charisma ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Kein noch so gutes Konzept aus dem Landeskirchenamt kann den Gemeinden vorschreiben, dass und wie ein erfolgreicher, gut besuchter Kindergottesdienst stattfindet: Aber eine engagierte Mutter, die neben ihren Kindern allsonntäglich Kinder aus der Nachbarschaft mit zum Kindergottesdienst mitnehmen und begeistern kann, gibt dem Kindergottesdienst mit ihrem Charme eine ausstrahlende Attraktivität: Bald kommen viele Kinder gerne und von selbst.

Natürlich kann und muss man für bestimmte notwendige Arbeiten z.B. im diakonischen Bereich, jemanden einstellen, aber alleine ohne ehrenamtliche Mitarbeitende hat das wenig Strahlkraft und trägt zur Attraktivität einer Gemeinde wenig bei.

Das EKD Konzept „Kirche der Freiheit“ hat auf die genialen Ideen der Leitungsgremien in Hannover gesetzt und wollte  „Leuchtfeuer“ in den Mittelpunkt der Ausstrahlung der Evangelischen Kirche setzen wie ein weitbekanntes Markenprodukt. Nach immer stärker werdender Kritik, auch weil sich das Konzept nicht durchsetzte und kaum Erfolg zeigte, hat nun  die V Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD deutlich erkennen lassen, warum dieses Konzept der Kirche der Freiheit mit der Kirchenlenkung von oben zum Scheitern verurteilt war: Die völlige Missdeutung und Missachtung der Rolle der Gemeinden

In den Augen der Gemeindeglieder sind die Gemeinden die eigentlichen Repräsentanten der Kirche, nicht irgendwelche Leitungsgremien. Die Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen sind die Repräsentanten der Kirche, die Presbyter, Mitarbeiter und Gottesdienstbesucher die Ansprechpartner in religiösen Fragen: Ferne Akademien der Landeskirchen spielen da keine Rolle. Mit Sicherheit kennen viele  Gemeindeglieder besser den Namen ihres Gemeindepfarrers als den Namen des EKD-Vorsitzenden: Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: Verbinden Sie viel mit ... dem bayrischen Landesbischof und EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm?

Katholisches Kirchenverständnis ist da anders: Den Papst kennt jeder! Aber Bedford Strohm oder selbst Nikolaus Schneider? Margot Käßmann war eine besondere Ausnahme, ein Geschenk für die Kirche,  aber nicht die Regel für die Bedeutung und Strahlkraft evangelischer Leitungsträger.

Der Versuch, dieses zu ändern und so etwas wie eine evangelischen Papst, einen obersten Repräsentanten mit Leitungsfunktion für alle Gemeinden und Christen zu installieren, ist mit „Kirche der Freiheit“ gründlich schief gegangen. Für manche  Gemeindeglieder ist diese in den letzten Jahren nicht nur im Rheinland weitgehend vollzogene und in anderen Landeskirchen geplante Entmachtung der Gemeinden ein Skandal: „Dann können wir ja gleich katholisch werden.“

Evangelisches Kirchenverständnis ist aufgebaut auf  in ihrem Glauben mündigen Gemeindegliedern. Das ist eine Kernkompetenz evangelischen Glaubens.

Diese anzutasten, zerstört die evangelische Kirche: „Evangelische Kirche auf falschem Weg“ ist deshalb der Untertitel eines Mitte des Jahres erscheinenden Buches zur Reformation 2017.

Lassen Sie mich, bevor wir uns mit der Gemeinde der Zukunft beschäftigen, Ihnen noch einen interessanten Aspekt aus dieser Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vorstellen: (Anm. 7)

Man hat in einer konfessionell repräsentativen mittelgroßen Stadt mit Hilfe hunderter Interviews eine Kompletterhebung des Netzwerkes religiöser Kommunikation in einer Kirchengemeinde erarbeitet und damit einen faszinierenden Blick  in die Tiefendimension religiösen Lebens einer klassischen deutschen Kirchengemeinde bekommen.

Viele Ergebnisse wäre es wert, bedacht zu werden. Ich muss mich auf einiges wenige beschränken:

- Ca. 200 Personen handeln im zentralen Netzwerk einer Gemeinde, und ca 600 Personen sind lockerer darum herum gruppiert. Eine Pastorin hat eine sehr dichte Kommunikationsfrequenz mit ca. 100 Personen und darüber hinaus eine lockere Kommunikation mit ca. 600 bis 700 Personen.

- Für das Sozialkapital einer Kirchengemeinde sind die gewachsenen Vertrauensbeziehungen innerhalb von Gruppen eine wichtige Grundlage. Diese bilden die Basis für jegliches Engagement. Der Marburger Professor Wegner analysiert, einen  Aufsatz aus dem Auswertungsband zitierend:   „Es sei nicht so ..., dass das eher abstrakte Kollektiv einer Gemeinde Engagement fördernde Wirkung hätte: Sondern vielmehr in der Bindung an die vielen kleinen miteinander verbundenen Gemeinschaften innerhalb der Gemeinden, die sich durch persönliche Kontakte auszeichnen, wird wertvolles Sozialkapital gebildet und ehrenamtliches und freiwilliges Engagement ermöglicht und verstetigt.“ (Anm. 8)  „Im Engagement vor Ort entsteht Zusammengehörigkeit, Identifikation und soziales Vertrauen“ (Anm. 9)  „ Für soziales Vertrauen benötigt man face to face Kontakte und diese Kontakte benötigen Gelegenheitsstrukturen.“ (Anm. 10)  „Ohne die sich selbst organisierenden Freiwilligengruppen sind die Gemeinden...nur fiktionale Sammlungen von Kirchensteuerzahlern.“ (Anm. 11) 

Natürlich ist mit dieser Bestandaufnahme noch nicht alles in Ordnung. Es sollte nur deutlich werden, wie verheerend irreführend der bisherige Lösungsansatz der EKD mit seiner Hierarchisierung der Evangelischen Kirche und seiner Entmachtung der Gemeinden gewesen ist. Im Moment wird diese neue Kirchenstruktur ja noch von einigen Landeskirchen nach unten an die Kirchenkreise und von dort in die Gemeinden weitergegeben.

Jetzt gibt es aber durch die V Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung eine ziemlich sichere tragfähige Basis, auf der man für die Zukunft der Kirche aufbauen kann.

Lassen Sie mich nur zwischendurch an drei Entwicklungen der Rheinischen Landeskirche aufzeigen, welche - sicher nicht gewollten aber folgerichtigen -  schweren Fehlentwicklungen dieses Konzept „Kirche der Freiheit“ nach sich gezogen hat und zieht.

1.) Wer ist die mächtigste Institution in der Zukunft in unserer evangelischen Kirche?

- Nicht mehr die Gemeinden mit ihrem Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft, im Rheinland wird dieser ihnen gerade aberkannt (Anm. 12);

- Nicht die Landeskirchenleitung: sie hat ihren Einflussbereich nicht  ausgeweitet;

- Nicht die Kreissynodalvorstände und Superintendenten: sie sind hoffnungslos überfordert, alles das zu entscheiden, was früher die Gemeinden selbst entscheiden konnten;

- Gewinner der Macht sind formal und faktisch die Verwaltungsleitungen. Sie entscheiden im Rheinland gesetzlich festgelegt über die Ausgaben der Gemeinden im Rahmen der laufenden Verwaltung, wenn sich das Presbyterium nicht ausdrücklich frühzeitig dieses Recht im Einzelfall vorbehalten hat. Die Verwaltungsleitungen haben faktisch das Heft in der Hand über Personal, Gebäude, Finanzen und die Verwaltung selbst. So ist bei Ausgaben bis 5000 € oder in manchen Kirchenkreisen 10000 € qua Gesetz der Vorsitzende des Presbyteriums  genauso wie der Superintendent zum Bittsteller beim Verwaltungsleiter degradiert. Wie man das theologisch mit einer presbyterial-synodalen Kirchenordnung in Einklang bringen kann, ist mir ein völliges Rätsel.

2.) Das jetzt eingeführte Neue Kirchliche Finanzwesen, von der EKD so gewollt,  hat teilweise verheerende Auswirkungen. Eigentlich erscheint das verwendete Buchhaltungssystem ja so ziemlich egal zu sein für das Wohl einer Kirche. Aber das neue NKF hat fatale Nebenwirkungen, die man sich nur schwer vor Augen führen kann.

Bislang reiche Gemeinden mit einem großen Gebäudebestand und einigen Mitarbeitern werden nach der neuen Finanzstruktur arm gerechnet, da sie riesige Lasten für die Substanzerhaltungsrücklagen ihrer Gebäude und für die Verwaltung von Mitarbeitern und Gebäuden schultern müssen. Frei verfügbarer Mittel bleiben da kaum noch. Arme Gemeinden ohne Gebäude und Mitarbeiter können sich dagegen glücklich schätzen.

Vor allem aber hat das Denken in diesem neuen Finanzwesen fatale Auswirkungen auf das Bewusstsein einer Gemeinde.

Lassen Sie mich das einmal an einem Beispiel aus einem ganz anderen Bereich verdeutlichen, was damit gemeint ist: Zwei Geburtsanzeigen:

Die Geburtsanzeige von Maximilian:

„Wir sind glücklich über die Geburt unseres Sohnes Maximilian. Gesund und munter strampelnd liegt er in seinem Körbchen. Mutter und Vater und die ganze Familie freuen sich über sein glückliches Lächeln, sein fröhliches Strahlen, die Eroberungen seiner kleinen Welt. Wir lernen mit ihm, unsere Welt neu zu sehen. Ein Wunder ist uns geschenkt. Wir sind gespannt auf die bevorstehenden Herausforderungen und werden mit unserem Sohn unser Leben neu gestalten. Dafür sind wir dankbar und loben Gott.“

Die Geburtsanzeige von Jens:

„Hiermit zeigen wir Euch die Geburt unseres Kindes Jens an.

Leider ist nun unsere Wohnung zu klein geworden und wir benötigen dringend eine neue Wohnung, damit er in einem eigenen Kinderzimmer sich gut entwickeln kann. Den Kindergartenplatz haben wir auch am Tage seiner Geburt reserviert und gleichzeitig die Voranmeldung an einer guten Grundschule in dem gut situierten Ortsteil vorgenommen, in dem wir die größere Wohnung suchen.

Wir müssen deshalb als Eltern uns zusätzliche Einnahmequellen erschließen, um unserem Sohn ein optimales Großwerden geben zu können. Dankbar sind wir, dass die Großeltern schon jeweils eine ordentliche Ausbildungsversicherung abgeschlossen haben. Wir haben beide schon neue Lebensversicherungen, damit bei einem möglichen Unfall unsererseits unser Sohn abgesichert ist. Wir möchten schließlich möglichst jedes Risiko ausschließen.

Klar, dass unser Jens einmal studieren soll. Aber studieren ist teuer. So wollen wir  frühzeitig planen: Wenn wir jetzt bis zu seinem Abitur jedes Jahr 3000 Euro zurücklegen, dann könnte er in 18 Jahren vielleicht ein kleines Studentenappartement in einer Unistadt kaufen. Oder sollten wir etwa jedes Jahr diese 3000 Euro durch einen Urlaub verprassen? Wir halten die Investition in Jens Zukunft für sinnvoll und richtig, auch wenn alles unser Kräfte übersteigt .... 
 
Aber wir haben ja noch Euch, unsere Familie, Freunde und Verwandte. Euch werden wir jetzt regelmäßig bitten, uns bei dem Aufziehen unseres Sohnes zu unterstützen: Fundraising nennt man das. Statt mit Geschenken zur Geburt, zu Geburtstagen oder zu Weihnachten könnte Ihr uns mit einer kleinen Überweisung sehr viel besser unterstützen.“

Das Neue kirchliche Finanzwesen stellt die Kirche vor eine theologische Grundsatzfrage:

Wie sollen Gemeinden ihre Zukunft planen, wenn es zwei Typen von Zukunftssicht gibt: Voller Vertrauen und Zutrauen, wie die Eltern von Maximilian oder voll Versicherungen und Absicherungen, wie die Eltern von Jens?

Gemeinden brauchen selbstverständlich verantwortungsvolle Planung, aber ihre Zukunft ist geprägt von vielem ehrlicherweise Unplanbaren: Z.B. sind sie auf die unplanbare Mitarbeit Ehrenamtlicher angewiesen, auf die veränderliche Strahlkraft ihrer Mitarbeiter und auf die nicht absehbare zukünftige Bedeutung von Religion und Glaube in unserer Gesellschaft: Gesellschaftliche Notsituationen verändern alles ganz schnell: „Not lehrt beten“ - weiß schon der Volksmund.

Die Entwicklung der Gemeinden und der Kirche kann man nur ganz begrenzt steuern, das Neue Kirchliche Finanzwesen suggeriert dagegen verlässliche Planbarkeit und Sicherheit. Natürlich darf keine Gemeinde in den Tag hineinleben und ohne Rücksicht auf ihre finanziellen Möglichkeiten handeln. Doch eine verantwortliche aktuelle Leitung durch gemeindegliedernahe Presbyterien und eine gewisse Kontrolle durch die Kirchenkreise würde hier sehr viel wirksamer sein, als den Gemeinden jegliche Hoheit über ihre Finanzen faktisch zu entziehen. 

Heute Gemeinden arm zu  rechnen durch zukünftige Verpflichtungen,  nimmt ihnen die Basis für eine gesunde Zukunft. Die Pflicht zu Rücklagen und vermeintlichen Absicherungen dürfen nicht die Gegenwart zerstören: Wer kann schon wirklich wissen, welche Bedürfnisse und Chancen eine Gemeinde in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren hat? Besser eine allzeit stabile Gemeinde, die auch in Zukunft ihre Probleme wird lösen können,  als eine schon jetzt arme Gemeinde mit riesigem Rücklagenpolster: Die Gefahr ist groß, dass sie bald nicht mehr lebensfähig sein wird.

Hier lenkt das Neue Kirchliche Finanzwesen die Gemeinden, die Kirchenkreise und die Landeskirche auf den verhängnisvollen gefährlichen Weg einer vermeintlich planbaren Sicherheit.

3.) Und noch eine dritte fatale Entwicklung im Rheinland: Der sprunghafte Anstieg der Verwaltungskosten durch die immer mehr ausgeweitete Kirchenkreisverwaltung. Gemeindeferne Verwaltungsmitarbeiter bearbeiten für die Gemeinde Bauten, Personal, Finanzen und sich selbst als große Verwaltung. Früher ehrenamtliche Arbeiten werden jetzt hochbezahlt erledigt: Ob der Bauverwaltungssachbearbeiter das für 15 Gemeinden besser macht als der Handwerksmeister als Kirchbaumeister seiner Gemeinde, würde ich stark bezweifeln.

- Und ist für die Gemeindeglieder ein KirchenkreisController zur Reduktion der Verwaltungskosten wichtiger als mit dem gleichen Geld bezahlbare drei Gemeindehelferinnen?

- Versprochene große Synergieeffekte sind noch lange nicht in Sicht, im Gegenteil: Verwaltungskosten explodieren.

- Müssen - wie 2015 auf der Landessynode beschlossen - Landeskirche, Kirchenkreise, Gemeinden und Kirchliche Werke wirklich ein mit zig Millionen Euro erarbeitetes eigenes gemeinsames EDV-System haben mit abgesichertem Diensthandy und Dienstlaptop für jeden Pfarrer und jede Pfarrerin? Muss es wirklich eine eigene EDV Verwaltung im Rheinland mit zehn Fachleuten in der Düsseldorfer Zentrale und zwei Fachleuten pro Kirchenkreis geben? Sind unsere Daten wirklich so schützenswert wie die Erfindungen und Innovationen eines Automobilkonzerns?

Verwaltung bläht sich naturgemäß immer mehr auf und verbraucht immer mehr Kirchensteuer. Der Nutzen für die Gemeindeglieder ist aber gleich null.

Genug des Ärgers über fatalen Entwicklungen im Rheinland. Vielleicht bleiben sie Ihnen in Westfalen weitgehend erspart. Selbst Präses Manfred Rekowski fordert auf der letzten Landessynode Anfang 2016 ein viel flexibleres Handhaben der neuen Kirchenstrukturen, besonders der Verwaltung.

Manfred Rekowski, den ich sehr schätze, war lange Superintendent in Barmen und ein eifriger Verfechter von Fusionen. Zwischendurch wollte er am liebsten alle Gemeinden im Kirchenkreis Barmen fusionieren zu einer Großgemeinde. Doch zehn Jahre später als Superintendent des fusionierten Kirchenkreises Wuppertal mahnte er in seinem letzten Superintendentenbericht vor der Kreissynode 2010 zur Vorsicht: „Es gibt doch bei Fusionen immer viele Verluste zu beklagen.“

Bei einer Ausschusssitzung zur künftigen Struktur des Kirchenkreises Wuppertal hat er selbst uns auf eine Gefahr jeglicher Zentralisierung hingewiesen. Eine zentrale Fehlentscheidung, z.B. in der Finanzanlage, kann riesige Folgen haben. Das katholische Bistum Aachen sei vor Jahren durch eine falsche Geldanlage in eine gefährliche Schieflage geraten.  Wenn aber dezentral einzelne Gemeinden falsche Entscheidungen treffen, könnten diese leichter durch die Gemeinschaft der Gemeinden getragen werden.

Natürlich können und sollen Gemeinden nicht alleine für sich existieren. Dass man mit Kooperationsverträgen oder Gemeindeverbänden Aufgaben lösen kann und muss, die die Kraft einer einzelnen Gemeinde übersteigen, ist sinnvoll und notwendig.

Wichtig ist nur, dass Gemeindeglieder und Verantwortung für die Gemeindeleitung  so eng beieinander sind wie möglich. Das stärkt die Bereitschaft, als Presbyter oder engagierter Ehrenamtlicher Verantwortung zu übernehmen, und diese Nähe stärkt die Gemeinde, wenn Arbeit und Verantwortung sich gegenseitig beflügeln.

Deshalb ist die V Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hoffentlich ein Segen. Sie könnte die EKD, die Landeskirchen und Kirchenkreise wieder dazu führen, von den Gemeindegliedern, von ihrem Glauben und ihren Bedürfnissen aus zu denken: Die Gemeindeglieder in ihren Gemeinden sind das tragende Fundament unserer Kirche. Ihre Stärkung muss höchste Priorität haben, alles andere ist zweitrangig.

Die evangelische Kirche würde durch eine solche Kehrtwendung wieder zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren können: Die unter der Kanzel und um den Abendmahlstisch versammelte Gemeinde als Kern der Kirche. Die auf die Bibel und die  Predigt hörende Gemeinde steht in der Verantwortung für den Glauben und für ihre diakonische Tätigkeit.

Bei meiner manchmal veröffentlichten Kritik an Entwicklungen in der Rheinischen Kirche habe ich sehr viel Unterstützung bekommen von „idea“ und vom Lutherischen Bund. Mich hat das erst sehr erstaunt. Aber später habe ich gesehen, wie wichtig die bunte Vielfalt der Gemeinden von sozial und politisch engagierten Gemeinden bis hin zu sehr frommen Gemeinden ist: Diese Vielfalt darf keinesfalls durch Vorgaben von oben eingeschränkt oder gelenkt werden. Die Gemeindeglieder selbst müssen gemeinsam den Kurs ihrer eigenen Gemeinde bestimmen können: verantwortet vor ihrem Glauben.  In Wuppertal, das ja Siegen in Glaubensentwicklungen nicht ganz unähnlich ist, ist diese Vielfalt ein Reichtum unserer Kirche.

Nur profilierte Gemeinden sind interessant in einer Zeit, in der viele Menschen sehr intensiv über ihr eigenes Profil nachdenken und ihr Engagement gemäß dieses Profils tätigen.

Es kann keine einzige richtige optimierte Gemeinde geben, deren Struktur die EKD  durch  Wissenschaft und Forschung erkennen könne und die dann allen Gemeinden als Leuchtfeuer dient: Die bunte Vielfalt der Gemeinden entspricht der bunten Vielfalt der Gemeindeglieder: Einig nur im Vertrauen auf das Wort Gottes und die Liebe Gottes, der seine Gemeinden trägt und ihren Fortbestand garantiert.

Die gemeindegliedernahe Ortsgemeinde ist der Kern der Kirchenbindung: Wenn dieses Fundament wieder stärker die Grundlage der Kirchenpolitik der EKD werden würde und die EKD und die Landeskirchen ihre primäre Aufgabe darin sähen, diese Gemeinden zu unterstützen, dann würde die Evangelische Kirche ein stabileres Fundament für die Zukunft haben als mit noch so tollen Leuchtfeuern. Das Schiff der Gemeinde braucht seine Orientierung nicht aus Marketingkonzepten der Wirtschaft sondern aus dem immer wieder neu aktuellen Nachdenken über die Bibel und den Glauben.

Diese Rückkehr von einem falschen Weg ist eine gute Orientierung für das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr. In einem Satz gesagt im Sinne Luthers und der anderen Reformatoren: Nicht die Großorganisation Kirche soll im Mittelpunkt stehen, sondern der Glaube der einzelnen Gemeindeglieder und ihrer Gemeinde.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interesse.


Anmerkungen:

(1) EKD: Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014 bestellbar: versand@ekd.de, abrufbar: http://www.ekd.de/download/ekd_v_kmu2014.pdf
(2) Auswertungsband „Vernetzte Vielfalt“: http://www.ekd.de/download/20151120_kmu_v_auswertungsband.pdf
(3) Gerhard Wegner, Renaissance der Kirchengemeinde? in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 1, 2016, S. 20 - 23 (Nachlesbar im Internet www.pfarrverband.de/pfarrerblatt//dpb_print.php?id-3974
(4) Wegner S. 21
(5) Wegner S. 21
(6) „Kirche der Freiheit“  abrufbar: https://www.ekd.de/download/kirche-der-freiheit.pdf.
(7) Wegner S. 22f
(8) Wegner S. 22 zitierend Gert Pickel
(9) s.o.
(10) s.o.
(11) s.o.
(12) http://kirchenbunt.de/kirchensteuerhoheit-ade/


Die Seiten „www.wort-meldungen.de“ und „www.kirchenbunt.de“ informieren aktuell und regelmäßig über die Umgestaltungsprozesse in den deutschen Landeskirchen.

Autor: Pfr. i. R. Manfred Alberti, An der Piep 8 c, 42327 Wuppertal, Tel 02058 87889, Handy 0152 0421 8707, www.manfredalberti.de, manfredalberti@hotmail.com

Lit.: Manfred Alberti, VORSORGEBUCH Alter Sterben Bestattung – Mit hilfreichen Tipps und Checklisten, Mit einem Geleitwort von Nikolaus Schneider, Neukirchener Verlag 2015, 377 S. € 19.99