EKD-Synode:

Was die EKD aus dem FDP-Wahldebakel lernen kann
Von Friedhelm Schneider

Gerade propagiert Thies Gundlach eine kirchliche Wüstenwanderung. Eine selbstverordnete Verkleinerung der Kirche: „ Wir sind eine Kirche, die muss kleiner werden.“ „Diese Aufgabe ist unserer Generation gestellt.“ (vgl. den Beitrag von Pfrin Dang)

Da sprudeln seit Jahren die Quellen der Kirchensteuern, die Kirche besitzt überaus gut ausgebildete PfarrerInnen, da gibt es eine flächendeckende Infrastruktur an Gebäuden – und   Gundlach propagiert die  Wüstenwanderung. Was ist da los?

Wüstenwanderung? Ein biblisches Bild muss also herhalten für das neoliberale Downsizing-Projekt verbal zu unterfüttern. Immerhin beinhaltet es in der aktuellen Trostlosigkeit die Hoffnung auf Manna und Honig. Das könnte aber ein schwacher Trost sein, ein zu schwacher. Solche Hoffnung könnte den/die eine oder andere vielleicht tragen, die Organisation freilich nicht. Für Organisationen und Betriebe gelten gewisse „Gesetze“. Eines lautet: ist man erst einmal draußen, fällt die Rückkehr umso schwerer. Das prophezeien übrigens nicht allein die Kommentatoren der FDP nach ihrem Wahlflopp. Das belegt auch die PIMS-Studie (Profit Impact of Market Strategies), die größte Studie zu unternehmerischem Erfolg. Danach gibt es sechs Schlüsselgrößen für die Beurteilung des zukünftigen Erfolgs. Die erste und wichtigste Schlüsselgröße ist die Marktstellung. Übertragen auf die Kirche: die ev. Kirche ist in Deutschland in einer immer noch überaus guten Ausgangslage. Noch gehört je 1/3 der ev. und eine weiteres Drittel der kath. Kirche an. Damit sind die Kirchen noch im Besitz dieser wichtigen Schlüsselgröße „Marktstellung“. Man spürt aber, dass damit langsam eine untere Grenze erreicht ist, deren Unterschreitung man in jedem Falle verhindern müsste, will man nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Die Effekte beim Abwärtsgang verlaufen also nicht linear, sondern es gibt Kipppunkte. Bei der Klimafrage ist das ja ähnlich. Was dann passiert, wenn Untergrenzen unterschritten, Kipppunkte erreicht sind, muss man sich nicht ausmalen. Man kann es empirisch überprüfen. Am Beispiel der östlichen Landeskirchen. Dort war die Kirche (hier in der Zusammenschau beider Kirchen) zur Zeit der Wiedervereinigung vor 23 Jahren schon marginalisiert. Sich von einer solchen Ausgangslage wieder hochzuarbeiten, stellte dann einen enormen Kraftakt dar. Er ist bekanntlich selbst mit erheblichem Westsupport bisher nicht geglückt. Im Gegenteil (s. Folgebeitrag Wüstenwanderung II). Also: Einmal weg – immer weg. Das ist die Erkenntnis. Und sie wird das fatale Resultat sein, wenn die Kirche Gundlachs Wüstenwanderung mitmacht. Man fragt sich: Wie groß muss eigentlich die  Verwirrrung über den Kurs der Kirche in der EKD sein, wenn ein wichtiger Vertreter  solchen Unsinn propagiert!

Die Moral von der Geschicht: die Kirche hat sich seit 15 Jahren mit solchen und ähnlichen Themen mit sich selbst beschäftigt. Das sind 15 weitgehend verlorene Jahre für richtige und wichtige Reformen. Damit muss Schluss sein. Kirche muss nicht kleiner werden, sondern ihre Potenziale (s.o.) endlich voll ausnutzen und entfalten. Das ist die Erfordernis aus theologischer Sicht - wie auch aus Managementsicht.

Was ist zu tun? Die Kirche muss so schnell wie möglich zu den Menschen zurückkommen. Real, nicht verbal. Die aktuell zu hörende verbale Beschwörung des „Nahe-am-Menschen-sein Wollens“ ist hingegen nur der verzweifelte Ausdruck des garstigen Grabens, der schon aufgerissen wurde. Da geht es der evangelischen Kirche nicht viel besser als der katholischen. Sie muss dazu die Reformen von Strukturen und Instrumenten, sie muss die Strategie auf den Prüfstand stellen. Und sie muss vor allem zu einer Erneuerung der früheren Kultur zurück. Sie braucht Management und sie braucht Theologie. Als Sofortmaßnahmen sind zunächst die Teile sofort zu stoppen, die sowohl nutzlos und dabei auch noch teuer sind. Und dann sollte man ruhig noch einmal zur FDP blicken und die Lehre ziehen, dass ein Neuanfang nur möglich ist, wenn die Verursacher der Misere, was man in der EKiR ja gut sehen kann, die Verantwortung für das entstandene Desaster und die schon entstandene Wüste übernehmen. Zu dieser Einsicht waren die FDP-Führer immerhin in der Lage. Ob die Kirche zu einer solche Selbstreinigung auch in der Lage ist ?