Bürger - Ethos - Nachhaltigkeit

Diskussionspapier des Arbeitskreises „Gerechtigkeit“ der Ev. Akademikerschaft in Deutschland (EAiD) zur Wirtschaftsethik

Dem Arbeitskreis „Gerechtigkeit“ der EAiD ist die Vorlage eines lesenswerten und anregenden Diskussionspapiers gelungen. Die Schrift wurde in den Jahren 2011 bis 2013 erarbeitet. Auch wenn systemische und strukturelle Fragen stets im Blick der Autorinnen und Autoren sind, liegt der Focus bei der Vermittlung wirtschaftsethischer Positionen mit dem Ziel einer gerechten, ökologisch vertretbaren und damit nachhaltigen globalen Entwicklung auf der Grundlage eines Bürgerethos.

Das Papier folgt hierin im Wesentlichen den Anliegen von Hans Küng, wie er sie zuletzt in seinem Buch „Anständig wirtschaften“ formuliert hat. Zentrales Element in der Argumentation der Schrift ist die Forderung nach einem „Bürgergeld“ und Überlegungen zum Steuerrecht, die nicht nur auf eine Vermögensabgabe zum Schuldenabbau, sondern auch auf eine stärkere Besteuerung des wohlhabenden Mittelstandes hinauslaufen.

Anfragen

Nicht wirklich überzeugend ist die Schrift mit ihren Überlegungen zur Schuldenproblematik, mit denen sie ebenfalls weitgehend des Urteil Küngs übernimmt. Die Analyse, dass einzelne Staaten letztlich über ihre Verhältnisse gelebt hätten, greift zu kurz und blendet die Interdependenz zwischen Finanzmarktgeschehen und Staatsverschuldung weitgehend aus. Die heutige Schuldenkrise im Euroraum und weit darüber hinaus hätte ohne die diversen Bankenrettungen und staatlichen Bürgschaften für große Vermögen so nicht stattgefunden.

Hans Küng hat mit seiner Schrift „Projekt Weltethos“ von 1990 einiges bewegt. 1995 wurde die Stiftung Weltethos mit Sitz in Tübingen gegründet. „Eine Arbeitsgruppe der Stiftung Weltethos, Tübingen, hat eine Konkretisierung für den Bereich des Wirtschaftens erarbeitet, die 2009 als „Manifest Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft“ der UNO vorgelegt wurde, bisher zahlreiche Unterzeichner gefunden hat und noch erwartet. Diesem Vorbild folgend nimmt der Arbeitskreis Gerechtigkeit das große gesellschaftliche Projekt der nachhaltigen Entwicklung in den Focus und versucht, wenigstens in Umrissen, ein Bürgerethos der Nachhaltigkeit zu beschreiben.“ - heißt es im Vorwort der Schrift. Zum Thema „Bürgerethos“ wird weiter ausgeführt: „Ein Bürgerethos, das darauf reagiert, wird sozusagen auf der ‚Rückseite‘ der Menschen-Rechte ihre Pflichten enthalten.“ … „Pflichten der Bürger leiten sich aus einer Vorstellung vom Gemeinwohl her und erwachsen für jeden von uns über Recht und Gesetz hinaus aus der Achtung vor ethischen Richtlinien, ohne dass deren Einhaltung vom Staat sanktioniert werden kann. Eine Vorstellung davon muss durch Erziehung und Lernen in persönlicher Verantwortung angeeignet werden. Sie bedürfen darüber hinaus in einem demokratischen Gemeinwesen des fortwährenden kritischen Diskurses.“

Hier wird gewiss ein wichtiges Element einer globalen Umkehr beschrieben. Wünschenswert wäre allerdings eine noch deutlichere Auseinandersetzung mit einer neoliberalen Ideologie und mit dem damit verbundenen Verhalten mancher Konzerne gewesen, wie es in z.B. in den Werken von Naomie Klein oder Jean Ziegler beschrieben wird. Vieles spricht dafür, dass es die heutige Mainstream-Ökonomie ist, die unethisches Verhalten legitimiert.

Uneingeschränkt begrüßenswert ist jedoch, dass es unter dem Dach der EKD kritische Stimmen wie den Arbeitskreis „Gerechtigkeit“ der EAiD gibt, die sich z.B. mit der problematischen Verwendung des Elitebegriffs auch in der eigenen Kirche auseinandersetzen. In komprimierter Form erhält die Schrift zahlreiche konstruktive Gedanken und interessante Anregungen. Bleibt zu hoffen, dass sie auch innerhalb der EKD und ihrer Gliedkirchen einen „kritischen Diskurs“ unter Teilnahme möglichst vieler beflügelt.

Hans-Jürgen Volk

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