Aufbruch ins pastorale Gewächshaus

Streitbare Anmerkungen zum EKD – Impulspapier „Kirche der Freiheit“
von Gerhard Dilschneider und Werner Gebert
(Beide Autoren werben für die Unterzeichnung des Wormser Wortes)

Ernst Lange hat einst einen deutschen Kirchenführer gefragt: „Ist es ein Zufall, dass die originellste theologische Leistung im Deutschland des 20. Jahrhunderts von einem Manne stammt, der ein geborener Ökumeniker war: Bonhoeffer ? Ganz zu schweigen vom kirchlichen Wiederaufbau nach dem Kriege. Die ersten Bücher, die wir nach dem Zusammenbruch bekamen, waren ökumenische Spenden. Die Suppen, die wir in den Mensen und Studentenheimen vorgesetzt bekamen, der unbeschreibliche Käse, den wir auf unser Brot legten – woher stammt das alles ? ... Und wenn das alles alte Hüte sein sollten, wenn wir jetzt „wieder wer sind“ zu scheinen glauben.  –  Was sind wir denn, wenn man das Ökumenische abzieht ?“

Gemeint ist: Was sind wir denn als Kirche, wenn man die Einbindung in die weltweite ökumenische Gemeinschaft und die ökumenische Zusammenarbeit im eigenen Land ignoriert ?

Die Perspektivkommission hatte eine solche Frage nicht im Blick.  Man musste sich schließlich auf Wichtiges konzentrieren. Nicht, dass das Ökumenische gar nicht vorkäme im Impulspapier: Auf S. 37 kommt „ökumenisch“ und „Ökumene“ sogar dreimal vor, auf S. 44 zweimal, auf S. 79 einmal, auf  S. 83 zweimal, auf S. 87 noch einmal. Sogar die „Charta Oecumenica“ ist erwähnt (S.101). Immerhin muss der Ratsvorsitzende diese Nebenbei-Erwähnungen als Mangel empfunden haben. Und so rechnet er in seinem Vorwort (S. 3) die weltweite
Ökumene den wichtigen Zukunftsfeldern zu und konstatiert, dass sie eine der zentralen Herausforderungen unserer Kirche darstellt. Diese Feststellung freut uns sehr. Leider blieb sie ohne Konsequenzen für das Papier.

Das mit einem „Kirchenkompass“ (S.27) gefundene Grundanliegen der Perspektivkommission scheint gewesen zu sein, durch „Zielverabredungen mittels einer ‚balanced scorecard’“ (S. 27)bekannten kirchlichen Schwachstellen zu Leibe zu rücken: Mitgliederschwund, bröckelnde Einnahmen, Ineffizienz kirchlicher Arbeit, gesellschaftlicher Bedeutungsverlust… Stark beschäftigt hat die Kommission die Frage: Wie können die - jetzt leider noch äußerst inkompetenten - PfarrerInnen so weitergebildet werden, dass sie, mit kybernetisch-missionarischer Kompetenz (S. 73) versehen, als „qualitativ hochstehende geistliche Mitarbeitende“ (S. 72) fast so etwas wie Gottähnlichkeit erreichen, sich zumindest aber im Qualitätsmanagement auskennen ? Es muss an „qualitätsorientierten Lernprogrammen“ (S. 27) gearbeitet werden, denn „Qualität setzt sich durch“ (S. 28).  Die Geistlichen werden zu Glaubensbetriebswirten fortgebildet. Schließlich soll der Protestantismus in Deutschland auch im Jahre 2030 noch gut dastehen, möglichst angesehener als heute. Das „corporate design“ (S. 40), das es zu entwickeln gilt, soll dazu verhelfen, dass künftig auf eine „evangelische Skyline“ (S. 87) Verlass ist, denn erfreulicherweise gibt es einen gesellschaftlichen „Megatrend“ zur „Respiritualisierung“ (S. 14).

Das ist durch die „Konzentrierung der Kräfte“ und „Profilierung der Inhalte“ (S. 39) zu erreichen. Dazu muss die „Organisation“ verbessert werden mittels einer „Qualitätsoffensive“ (S. 54). Also werden „Zielvereinbarungen“ getroffen, „Dienstleistungsdefinitionen“, „Kosten- und Leistungsrechnungen, eine „tragfähiges benchmarking“ (S. 26f.),  „Controlling“ (S. 40) eingeführt sowie „Kernkompetenzen“ (S. 40) definiert, um den erlittenen „erheblichen Marktverlust im Bereich ihres Kerngeschäfts“ wieder aufzuholen.  „Mission“ soll mittels „missionarischer Innovationskompetenz“ (S. 73) verstärkt und intensiviert werden, „Stärken“ entdeckt und definiert werden und schlussendlich das „Lernen von wirtschaftlichem Denken“ (S. 42) den Erfolg garantieren. Eine viel beschworene „Beheimatungskraft“ (S. 50f. viermal)  soll dann dafür sorgen, dass „Wiedererkennbarkeit, Verlässlichkeit, Zugewandtheit und Stilbewusstsein“ (S. 50) dem Verfall gesellschaftlicher Strukturen entgegenwirken.

Pfarrerinnen und Pfarrer in der Gemeinde werden „zur oder zum leitenden Geistlichen eines Netzwerkes von Ehrenamtlichen“  (S. 68), sind jedoch derart mit Managementaufgaben und Geschäften aller Art  überlastet, dass sie für die intensive Beschäftigung mit Theologie kaum noch Zeit finden dürften. Diese Ehrenamtlichen sollen dann - selbstverständlich  kostenlos - anstehende Aufgaben  übernehmen. Überhaupt bedürfen „die jetzigen synodalen Strukturen… einer kritischen Prüfung in Bezug auf Zielorientierung und Effektivität“ (S 29).

Das Papier müht sich also primär um die Selbsterhaltung der evangelischen Kirche in Deutschland: „Die gemeinsame Sorge aller Christinnen und Christen muss … darauf gerichtet sein, die äußere Gestalt der Kirche zu stärken.“ (S. 45). Höher, schöner, attraktiver. Das Heil liegt im wohl organisierten Wachstum gegen den Trend. Es geht nicht um die Zukunft der Menschen in der Welt, sondern um die Zukunft der Kirche als Institution. Man weiß zwar, dass die Kirche kein Selbstzweck ist (S.100), doch hat das für die Zukunftsperspektiven keine Bedeutung.
   
Bei dem gesamten Denkprozess zu den Fragen des Wandels der kirchlichen Strukturen in Deutschland scheint niemand auf die Idee gekommen sein, den Rat der armen reichen Schwestern und Brüder aus der Ökumene einzuholen. Die in der ökumenischen Bewegung gemachten Erfahrungen in Bezug auf die theologische und soziale Bedeutung, Rolle, Relevanz und Wirkung des „Laos“ in Verkündigung, Seelsorge und Unterricht in der Kirche wurden nicht zur Kenntnis genommen. Die ökumenische Dimension mit ihren fruchtbaren und Identität stiftenden Erfahrungen, Konflikten, weiterführenden  geistlichen Impulsen und theologischen Konsequenzen für kirchliches Handeln wurde schlichtweg ausgeblendet. Viele Kirchen der Ökumene, die sich mit ihrer Zukunft beschäftigen, erarbeiten zuerst eine Analyse der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation, in die hinein das Evangelium verkündet werden soll. Dem EKD-Papier fehlt die ökumenische Tradition einer fundierten biblisch-theologisch Weltkritik. Dass die Kirche ein prophetisches Amt haben könnte, ist außerhalb ihres Gewächshaushorizontes. Ebenso fehlt jeder Bezug auf weltweite soziale Bewegungen, denen auch die Kirche viel zu verdanken hat. So fehlt es dann konsequenterweise auch an einer Vision von einer menschenwürdigen Gesellschaft im „Aufbruch beim kirchlichen Handeln in der Welt“ (S. 85 ff.).

Weil nun aber die ökumenische Dimension von Kirche fehlt (möglicherweise gehört das Weltweite zu ihren Merkmalen, zu den notae ecclesiae), wird die Ortsgemeinde in erster Linie zum Wohlfühlclub, wo man stilvolle Gottesdienste genießt, geschliffene Predigten goutiert, und unter anderem sich mittels 360-Grad-Feedbacks (S.64) und kircheninterner Aufwärtsthemen (S. 87), das geistliche Profil schärfend, eine Menge Kompetenzen aneignet, die Landeskirchen sogar „Kompetenz-Kompetenz“ (S. 36), Beheimatungskraft entfaltet und sich gegen den (Abbröckel-)Trend Mut macht. Der Gekreuzigte passt da nicht mehr so richtig rein.

Die Fragen, die die weltweite Ökumene u. a. an die deutsche Kirche stellt – z. B. im sog. AGAPE-Papier des Ökumenischen Rates der Kirchen – werden nicht zur Kenntnis genommen. Es sind Fragen, die mit neoliberaler Globalisierung, Kapitalismus, sozialer Gerechtigkeit, Standortkonkurrenz, Arbeitslosigkeit, Schuldenerlass, Fairem Handel, ökologischer Verantwortung, Lebensstil etc zu tun haben. Im Impulspapier kommen Ökologie (erwähnt nur auf S. 20; S. 83 ist sogar einmal von nachhaltiger Entwicklung die Rede), Klimawandel und fairer Handel als Zukunftsthemen überhaupt nicht vor, geschweige denn die Kirche in der Sozialgestalt ökumenischer Basisgruppen, die sich dem Konziliaren Prozess verpflichtet wissen. Nur einmal ist auf S. 81 die Rede von Kirche, Gemeinden und Initiativgruppen. Wie sollen solche Inhalte denn auch vorkommen, wenn das Kerngeschäft der Pfarrerinnen und Pfarrer die Verkündigung und die geistliche Grundversorgung (S. 32) ist und sie dabei mithelfen sollen, durch „Schwachstellenanalyse“ (S. 94) die „neue Führungsstruktur (S. 27) zu stärken ? Im Impulspapier wirken Verkündigung und Sakrament quasi als feierliche, stilvolle Kulturveranstaltungen, die mit Schalom und sozialer Gerechtigkeit auf Erden herzlich wenig zu tun haben. - Man sollte diesem Papier unbedingt den „Kulturpreis des deutschen Protestantismus“ (S. 87) verleihen

Die Evangeliumsverkündigung als Kerngeschäft der Kirche bleibt merkwürdig blass und inhaltsleer, als ob nicht dazugehörte, dass ausgerechnet den Armen frohe Botschaft gebracht wird, dass Gefangene freigelassen werden, Blinde wieder sehen und Unterdrückte befreit werden. Es ist  nicht so, dass die Kirche in diesem Sektor gar nichts tut, doch müsste der warmherzige Samariter, bevor er eingreift, die christlichen Wurzeln, die Christusorientierung (S. 83) seines diakonischen Liebenshandelns deutlich machen (S. 82f.). Vielleicht kann er das ja auch nachliefern.

Nicht einmal darüber wird nachgedacht, dass die Krisensymptome auch eine Chance sein könnten zu verstärkter ökumenischer Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Konsequenterweise ist deshalb für die Pflege der Beziehungen zu den ACK-Kirchen und erst recht zum Ökumenischen Rat und zu dessen Mitgliedskirchen ein Kompetenzzentrum (s. S. 100) nicht vorgesehen. Sogar der interreligiöse Dialog ist anscheinend wichtiger. Für ihn ist eines vorgesehen.

Fazit: Das Impulspapier hat trotz seiner 12 Leuchtfeuer keine Leuchtkraft; es ist wirtschaftlich orientiert, neoliberalem Gedankengut verpflichtet, spirituell arm, ökumenisch unterbelichtet, theologisch tendenziös, ein starres Verständnis von Kirche transportierend und damit ein Dokument provinzieller, auf Geistliche(s) fixierter Selbstgenügsamkeit. Besser wäre: Glauben gegen den Trend.

Wichtige ökumenischen Impulse:
 

  • Weltweite ökumenische Sensibilität und Solidarität statt nationalem Kirchentum und provinzieller Enge;
     
  • Suche nach Einheit statt Konfessionalismus;
     
  • Weltverantwortung statt Trennung von Glaube und politischem Handeln;
     
  • Voneinander Lernen und Miteinander Teilen statt wirtschaftlicher, kultureller und theologischer Dominanz des Nordens;
     
  • Option für die Armen und internationale Solidarität statt Beteiligung an Ausbeutung und Protektionismus;
     
  • Kultur aktiver Gewaltfreiheit statt Tolerierung von Krieg und Gewalt;
     
  • Prophetische Kritik und Widerstand statt Legitimierung ungerechter Verhältnisse;
     
  • Kirchliche und gesellschaftliche Erneuerung statt Besitzstandswahrung;
     
  • Offenheit für anders geartete  Formen von Frömmigkeit und Gottesdiensten Inklusive Gemeinschaft (z. B. Teilhabe von  Frauen und Jugendlichen) statt Benachteiligung und Ausgrenzung der „Anderen".