(Un)Effiziente Gedanken zu Lk 8,4-9 (Das Gleichnis vom Sämann)

Von Andreas Reinhold - Veröffentlicht am 10. Februar 2015

Seit geraumer Zeit wird in unserer Kirche intensiv über Effizienz nachgedacht, und zwar im Sinne von Wirtschaftlichkeit. Man befürchtete, die zurückgehenden Kirchenmitgliederzahlen würden sich auch negativ auf Kirchensteuereinnahmen auswirken. Das war dann zwar nicht so – wir nehmen derzeit so viel ein wie schon lange nicht mehr -, aber man traut dem Braten nicht und versucht weiterhin, unsere Kirche effizienter, also wirtschaftlicher zu gestalten. Wirtschaftlichkeit kann man auf eine einfache Formel bringen: Sie ist dann gegeben, wenn der Ertrag geteilt durch den Aufwand größer oder gleich eins ist, wenn also – um im Bild des Gleichnisses zu bleiben – der Sämann bei der Ernte mehr Korn einfährt als er beim Aussäen in den Acker gegeben hat. Das ist einfach nachzuvollziehen und nur vernünftig.

Freilich ist das bei Kirchens etwas schwieriger zu erfassen. Für einen Unternehmer lohnt sich eine Investition, wenn sie am Ende mehr Einnahmen zur Folge hat als Geld ausgegeben wurde. Die Kirche ist dagegen auf ein finanzielles Nullsummenspiel aus: Die Summen der Ausgaben und Einnahmen sollen sich ausgleichen. Ob sich allerdings eine Investition lohnt, das hängt eigentlich von ganz anderen Faktoren ab. Schließlich geht es uns in erster Linie ja nicht um materiellen, sondern um geistlichen Zuwachs. Es geht nicht darum, Gewinn zu erzielen, sondern Menschen für die Sache Jesu zu gewinnen! Das Problem ist klar: Es fehlt uns ein überzeugendes und gerechtfertigtes Kontrollverfahren. Wie soll geistlicher Gewinn gemessen werden? Woran soll man den Erfolg einer Predigt ablesen können? Welche Kriterien gibt es, mit denen man die Arbeit einer Kirchengemeinde bewerten kann?

Es gibt tatsächlich Versuche, solche Indikatoren zu etablieren: “Von Befragung bis Like-it-Button auf der Facebook-Seite der Gemeinde, von Besucherzahlen bis Kollektenaufkommen, von der Zahl der Seelsorgegespräche bis hin zu der Zahl der Menschen, die auf Empfehlung anderer Seelsorge nachfragen …” Nein, das ist kein Witz, sondern eine ernst gemeinte Empfehlung unsere Landeskirche an unsere Presbyterien! (ekir.info, Seite 12) Von dort bis zum vor kurzem erneut in den Ring geworfenen Vorschlag, Pfarrerinnen und Pfarrer – und in deren Gefolge logischerweise dann auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nach ihrer Leistung zu bezahlen, ist es dann freilich nicht mehr weit – und auch das ist kein Scherz (Peter Barrenstein)! Ich sehe es schon kommen: In Zukunft wird der Glaube zu einer messbaren Einheit erklärt, an jeder Kirchenfront hängt ein Glaubensbarometer, das monatlich von einem Außendienstmitarbeiter des Landeskirchenamtes abgelesen wird und wenn die Werte nicht stimmen, kriegt der Pastor entweder weniger Gehalt oder muss die Kirchenglocken am nächsten Sonntag von Hand läuten.

Solche obskuren Gedanken macht sich der Sämann in unserem Gleichnis nicht. Ich finde es faszinierend, wie er in sich und in seiner Arbeit ruhend das Korn auf den Acker wirft, ohne sich darüber Sorgen zu machen, wie effizient seine Tätigkeit wohl ist. 75% seiner Investitionen bringen keinen Ertrag! Lediglich ein Viertel bringt Frucht. Komisch: Warum muss ich an dieser Stelle an das Neue Kirchliche Finanzwesen denken? Egal. So oder so: Effizient würden wir das wohl kaum nennen. Und doch macht seine Arbeit Sinn! Denn die 25% wiegen die restlichen 75 auf. Sie sind das eine Schaf, wofür der Hirte 99 zurücklässt. Sie sind der eine Groschen, über dessen Fund sich die Frau mehr freut als über die anderen neun, die sie schon besitzt.

In unserem Dienst am Menschen geht es nicht um Effizienz. Deshalb dürfen wir unsere Arbeit nicht den Kriterien der Wirtschaftlichkeit unterwerfen. Wir sollen solide haushalten, aber dem Materiellen keinen bevormundenden Stellenwert einräumen. Mit Verlusten werden wir leben müssen. Aber die brechen uns nicht das Genick. Lassen wir das Rechnen und Bewerten sein. Die Kirche lebt genauso wenig allein von den Kirchensteuern wie der Mensch vom Brot. Es ist das Wort, das Evangelium, das uns nährt. Ihm sind wir zuallererst verpflichtet: in der Predigt, in der Seelsorge, in der Diakonie … in unserem Kirchesein für andere. Nur damit werden wir die Menschen wieder für den Glauben gewinnen. Nur damit haben wir als Kirche Jesu Christi eine Berechtigung und eine Zukunft.