Protest gegen die Verleihung des Toleranzpreises an Bundesminister Wolfgang Schäuble


Am 5. Mai 2010 soll Dr. Wolfgang Schäuble den Toleranzpreis der Evangelischen Akademie Tutzing erhalten. Ursprünglich war die Preisverleihung für den 8. März geplant. Man reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, warum er ausgerechnet mit dem Begriff „Toleranz“ in Verbindung gebracht wird.
Schäuble steht für Werte wie Recht und Ordnung. Sicherheit geht ihm über alles - aber Toleranz?

Mit der Initiative zu einer Islamkonferenz, so die Begründung der Jury, habe Wolfgang Schäuble maßgeblich dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Staat und Muslimen auf eine tragfähige Grundlage zu stellen und einen offenen Diskussionsprozess anzustoßen, der für die Werte der eigenen Gesellschaft wirbt und zugleich offen ist für das Fremde.

Keine Frage, die Islamkonferenz ist prinzipiell eine gute Sache. Bleibt die Feststellung, dass hier jemand einen Preis erhält für ein Verhalten, dass man ihm eigentlich nicht zugetraut hätte. Aber macht dass diesen Mann zu einem Vorbild für den Grundwert „Toleranz“?

Manche Preisverleihung entwerten nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch die Anliegen, für die sie angeblich stehen, indem sie zu nichts anderem als der Selbstvergewisserung unserer sogenannten „Eliten“ dienen. Mit Recht kann man die Frage stellen, ob die für den 5. Mai geplante Preisverleihung sich hier nicht einreiht.

Pfarrerin Anne Lungova‘ hat einen offenen Brief an den Akademiedirektor Dr. Friedemann Greiner verfasst, den wir an dieser Stelle veröffentlichen. Sie formuliert wichtige Anfragen, die eine seriöse Antwort verdient gehabt hätten. Leider ist diese bis heute ausgeblieben.

Offener Brief von Anne Lungová

Sehr geehrter Herr Greiner,

am 8. März verleiht die Evangelische Akademie Tutzing erneut den Toleranzpreis. Ein Preis, der sich mit dem ehrgeizigen Namen „Toleranz“ schmückt, verbindet sich mit dem Namen des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble.

Auf den ersten Blick ist dies sicherlich eine fruchtbare Verbindung. Die Gründung der Islamkonferenz ist durchaus lobenswert, ebenso wie das christliche Engagement Wolfgang Schäubles z.B. als Mitglied des Vorstandes im Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche in Baden. Das Bemühen des Politikers um eine nachhaltige Integrationspolitik hält ohne Zweifel den offiziellen Auswahlkriterien stand, in deren Mittelpunkt Personen stehen, die sich dafür engagieren, Konflikte zwischen unterschiedlichen Kulturen im Dialog auszutragen.

Dennoch will ich meinen Protest gegen die Auswahl Wolfgang Schäubles für den diesjährigen Toleranzpreis mit diesem offenen Brief kundtun. Meine Kritik richtet sich vor allem gegen die künstlich hergestellte Verbindung zwischen Evangelischer Kirche, Wolfgang Schäuble und dem Wort Toleranz.
Das Wort Toleranz, das in seiner Bedeutung eng mit Worten wie Entgegenkommen, Duldsamkeit und Weitherzigkeit verbunden ist, hat seit jeher einen festen Platz in Theologie und Wirklichkeit der Evangelischen Kirche. Eine christliche Auffassung von Toleranz und die Politik Wolfgang Schäubles lassen sich meines Erachtens nicht miteinander in Einklang bringen.

Als ein Beispiel von vielen erinnere ich an dessen Äußerungen in einem Interview (Welt-Online) vom 20. Januar 2008. Es werde mit dem Justizministerium abgestimmt, so die Worte Schäubles, „ob es unter engen Voraussetzungen wie der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben die Möglichkeit zur Überwachung von Personen geben soll, die ein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Das sind übrigens nicht nur Pfarrer, sondern auch Imame.“

Über die Gefahr der Veränderung eines Wortsinnes in sein Gegenteil spricht Václav Havel in seiner Rede „Ein Wort über das Wort“, die er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1989 – kurz vor den umwälzenden Ereignissen in der damaligen Tschechoslowakei und ganz Mitteleuropa – verfasst hat. Darin heißt es: „Kein Wort, zumindest in dem metaphorischen Sinn, in dem ich das Wort ,Wort‘ verwende – beinhaltet nur das, was ihm das etymologische Wörterbuch zuschreibt. Jedes Wort enthält auch die Person, die es ausspricht, die Situation, in der es gesprochen wird, und den Grund, warum es ausgesprochen wird. Dasselbe Wort kann einmal große Hoffnung ausstrahlen, ein anderes Mal Todesstrahlen aussenden. Dasselbe Wort kann einmal wahrhaftig und ein anderes Mal lügnerisch sein, einmal beeindrucken und ein anderes Mal täuschen, einmal kann es wunderbare Perspektiven eröffnen und ein anderes Mal kann es nur Gleise verlegen, die in ganze Archipele von Konzentrationslagern führen. Dasselbe Wort kann einmal
Baustein des Friedens sein, und ein anderes Mal kann jeder seiner Laute vom Widerhall der Maschinengewehre dröhnen.“

Die Evangelische Akademie Tutzing sollte sich ihrer Funktion als Worthüterin bewusst sein. Denn sie hütet nicht nur das Wort Toleranz, sondern das WORT, das am Anfang aller Worte stand. Jede Preisverleihung, sei sie politisch noch so dringlich, sollte diesem Umstand Rechnung tragen!

Daher protestiere ich gegen die Verleihung des Toleranzpreises an Wolfgang Schäuble und votiere für eine Preisvergabe an solche Personen, die Toleranz im besten Sinne des Wortes leben und fördern.

Anne Lungová