Nasreddins Esel

Geschichten vom islamischen Eulenspiegel
Zusammengestellt von Klaus Schmidt


Nasreddin (auch: Nasrudin), einer der prominentesten Protagonisten humoristischer prosaischer Geschichten im gesamten türkisch-islamisch beeinflussten Raum vom Balkan bis zu den Turkvölkern Zentralasiens. Seine historische Existenz ist nicht gesichert; es wird angenommen, dass er im 13./14. Jahrhundert in Aksehir im westlichen Anatolien gelebt hat.

ESOTERISCH

Ein Scharlatan mit Namen Khamsa ging eines Tages zu Nasrudin und sagte: "Ist es wahr, daß du geheimes Wissen hast?" "Erzähle mir etwas von deinen eigenen hohen Erfahrungen, war alles, was Nasrudin erwiderte. "Gerne. Nachts verlasse ich diese materielle Welt und erhebe mich zu den höchsten Himmeln." "Fühlst du dann, o Meister", fragte Nasrudin, "wie dein Antlitz von einem fächerartigen Gegenstand gekühlt wird ?" ,,Ja, ja", sagte Khamsa, weil er dachte, das müsse eines der Merkmale höherer Erfahrung sein. "Wenn dem so ist", sagte Nasrudin, "solltest du lieber wissen, daß jener fächerartige Gegenstand der Schwanz meines langohrigen Esels ist."

ABENTEUER IN DER WÜSTE

“Als ich einmal in der Wüste war", erzählte Nasrudin eines Tages, "habe ich einen ganzen Stamm schrecklicher und blutrünstiger Beduinen zum Rennen gebracht."
"Wie ist dir das denn gelungen?"
"Ganz einfach! Ich bin weggerannt, und sie rannten hinter mir her."

DUMMKOPF!

Ein Philosoph, der sich mit Nasrudin zu einem Disput verabredet hatte, kam zu dessen Haus, traf ihn aber nicht an. Wütend nahm er ein Stück Kreide und schrieb auf dessen Tür: "Dummkopf!" Als der Mulla nach Hause kam und dies sah, eilte er zum Hause des Philosophen. "Ich hatte vergessen", sagte er, "daß du mich besuchen wolltest, entschuldige bitte, daß ich nicht zu Hause war. Selbstverständlich erinnerte ich mich sofort an unsere Verabredung, als ich sah, daß du deinen Namen an meine Haustür geschrieben hast."

DER SCHNEIDER

Nasrudin hatte Geld gespart, um sich ein neues Hemd zu kaufen. Voller Freude suchte er einen Schneider auf. Der Schneider nahm Maß und sagte: "Komm in einer Woche wieder und - wenn Allah will - wird dein Hemd fertig sein." Der Mulla faßte sich eine Woche lang in Geduld und ging dann wieder in den Laden. "Es hat eine Verzögerung gegeben. Aber - wenn Allah will - wird dein Hemd morgen fertig sein." Am nächsten Tag kam Nasrudin wieder. "Es tut mir leid", sagte der Schneider, "aber es ist noch nicht fertig. Frage morgen noch einmal nach, und - wenn Allah will wird es fertig sein." Gereizt fragt Nasrudin: "Und wie lange wird es dauern, wenn du Allah aus dem Spiele lässt?“
 
EIN DIEB

Ein Dieb drang in Nasreddins Haus und schaffte so viele Dinge fort, wie er tragen konnte. Der hatte den Dieb jedoch bemerkt und folgte ihm, nachdem er auch den Rest seiner Habseligkeiten zusammengepackt hatte. Als er Dieb zu Hause angekommen war, klopfte Nasreddin an dessen Tür. Der Dieb öffnete erschreckt und fragte unfreundlich: “Was suchst du hier, Hoca?” Darauf entgegnete Nasreddin:” Ich denke, ich bin wohl gerade in dieses Haus umgezogen, und hier bringe ich den Rest meiner Sachen”.

NASRUDIN UND DIE SIEBEN WEISEN

Die Philosophen, Forscher und Rechtsgelehrten waren an den Hof berufen, um über Nasrudin zu Gericht zu sitzen. Es handelte sich um einen ernsten Fall, denn er war von Dorf zu Dorf gewandert und hatte verkündet: „Die sogenannten weisen sind allzumal Schwätzer, unwissend & Wirrköpfe.“ Er war angeklagt, die Sicherheit des Reiches zu untergraben. „Das erste Wort gebührt dem Angeklagten“, sagte der König.
„Lasst Papier & Federn bringen“, bat Nasrudin „verteilt sie unter die sieben größten Weisen, und laßt jeden für sich eine Antwort auf die folgende Frage niederschreiben: > Was ist Brot?< “Und so geschah es. Schließlich nahm der König die Schriftstücke in Empfang und las laut vor: Der erste hatte geschrieben: „Brot ist ein Nahrungsmittel.“ Der zweite: „Es ist Mehl und Wasser.“ Der dritte: „Ein Geschenk Gottes.“ Der vierte: „Gebackener Teig.“ Der fünfte: „Unterschiedlich, je nachdem, wie man Brot definiert.“ Der sechste: „Eine nahrhafte Substanz.“ Der siebte: „Niemand weiß es wirklich.“ Nach der Verlesung wandte sich Nasrudin zum König und sagte: „Wenn jene sogenannten Gelehrten eines Tages entdecken, was Brot ist, werden sie auch in der Lage sein, andere Dinge zu erkennen, Zum Beispiel, ob ich recht habe oder nicht. Könnt ihr Angelegenheiten, in denen es um Recht und Unrecht geht, solchen Männern anvertrauen? Ist es nicht eigenartig, dass sie sich nicht einmal einig sind über etwas, das sie Tag für Tag essen? Einmütig jedoch fällen sie das Urteil, ich sei ein Ketzer?!“

NASRUDINS ESEL

Ein Mann kam zum Mullah und bat ihn: "Kann ich deinen Esel haben?"
"Sonst sehr gerne, aber heute ist mein Esel nicht da" sagte der Mullah. In diesem Augenblick schreit der Esel: "Iaaah". "Warum lügst du, Mullah? Dein Esel ist doch zu Hause!"
"Glaubst du mir oder dem Esel?", fragte der Mullah.

DEIN TOPF IST GESTORBEN

Der Hodscha hat sich von einem Nachbarn einen Topf ausgeliehen, den er ihm, nachdem er ihn gebraucht hat, zurückgibt. In den Topf aber hat er einen kleineren gestellt, und als der erstaunte Nachbar fragt, was das denn bedeute, antwortet er:

»Der Topf war wohl trächtig, er hat ein Junges bekommen.«

Nach einiger Zeit leiht sich der Hodscha wieder einmal den Topf vom Nachbarn aus. Die Zeit vergeht, aber der Hodscha gibt den Topf nicht wieder zurück. Schließlich verlangt der Eigentümer seinen Topf zurück. Doch der Hodscha meint betrübt: »Mein Beileid, dein Topf ist leider gestorben.«

»Seit wann kann denn ein Topf sterben?«, fragt der Nachbar.

»Oho, Herr Nachbar«, erwidert da der Hodscha, »dass Töpfe Junge kriegen können, glaubst du, aber dass sie sterben, das glaubst du nicht?«

WAS MAN SELBST FÜR RICHTIG HÄLT

Der Hodscha ist unterwegs zum Dorf. Er hat seinen Sohn auf den Esel gesetzt und geht selbst nebenher. Da kommen ein paar Leute vorbei und sagen: »Schau dir das an! Der alte Mann muss zu Fuß gehen und der Junge sitzt auf dem Esel. Er sollte sich was schämen!«

Der Hodscha, der dies hört, lässt seinen Sohn absteigen und setzt sich selbst auf den Esel. Doch schon nach einer Weile hört er, wie sich zwei, die am Wegrand sitzen, unterhalten: »Der große Kerl sitzt auf dem Esel und lässt den armen Jungen nebenher gehen. Gibt es denn kein Mitleid mehr auf der Welt?«

Da holt der Hodscha seinen Sohn mit auf den Esel und so reiten sie beide weiter. Kommt ein Bauer des Weges und meint: »muss dieses schwache Tier denn euch beide tragen? Das ist ja unglaublich. Der arme Esel wird sich das Rückgrat brechen.«

Der Hodscha steigt daraufhin ab und nimmt auch seinen Sohn vom Esel herunter. So gehen sie weiter, der Esel voraus und die beiden hinterdrein. Als sie nicht mehr weit vom Dorf entfernt sind, hören sie, wie ein Mann zum anderen sagt: »Schau dir bloß die zwei Hohlköpfe an! Der Esel spaziert voraus und die zwei marschieren hinterher. Wie kann man nur so dumm sein?«

Da sagt der Hodscha zu seinem Sohn: »Du hast es gehört, das Beste ist immer, man tut, was man selbst für richtig hält. Den anderen kann man nie etwas recht machen. Und der Mund ist auch kein Sack, dass man ihn einfach zubinden könnte.«

ICH HABE DAS REZEPT!

Der Hodscha kauft beim Fleischer eine dünne Scheibe Leber. Auf dem Heimweg begegnet er einem Freund, der ihm sagt, wie man Leber zubereitet.

»Ich vergesse es bestimmt«, sagt der Hodscha, »schreibe es mir doch bitte auf ein Papier.« Und der Freund schreibt es ihm auf. Wie der Hodscha dann weitergeht, das Blatt mit dem Rezept in der einen Hand und der Leber in der anderen, stößt plötzlich ein Milan herab und schnappt ihm die Leber weg. Der Hodscha rennt ihm hinterher, doch als er merkt, dass er den Vogel wohl nicht mehr erwischen wird, streckt er die Hand mit dem Rezept nach ihm aus und ruft:
»Es wird dir nichts nützen, ich habe das Rezept!«

ISS, MEIN PELZ, ISS!

Der Hodscha ist zu einem Bankett eingeladen. Er trägt sein Alltagsgewand und wird von niemandem beachtet. Das macht ihn betroffen. Er eilt nach Hause, wirft seinen prächtigen Pelzmantel um und kehrt zur Festgesellschaft zurück. Schon am Eingang wird er in Empfang genommen und zu einem Podest geführt, wo man ihm den besten Platz zuweist. Als die Suppe serviert wird, tunkt der Hodscha das Revers seines Mantels in die Schüssel und sagt: »Bitte, bedien Dich. Iß, mein Pelz, iß, mein Pelz!«
Den erstaunten Gästen aber erklärt er:
»Die Ehre gilt ja doch dem Pelz, soll der auch das Essen haben!«

DER GEBETSRUF

Gerade als vom Minarett der Ruf zum Gebet erklang, beobachteten die Leute, dass der Hodscha von der Moschee wegeilte. Jemand rief ihm hinterher: "Wohin läufst du, Hodscha?" Der Hodscha rief zurück: "Das war der lauteste und durchdringendste Ruf, den ich je gehört habe. Ich gehe jetzt so weit von der Moschee weg, bis ich herausfinde, aus welcher Entfernung der Gebetsruf noch gehört werden kann!"

DAS GEWICHT

Nasreddin Hodscha aß gerne Fleisch und brachte eines Tages ein ganzes Kilo vom Markt nach Hause. Er überließ das Fleisch seiner Frau zur Zubereitung und verließ das Haus wieder, um noch einige Besorgungen zu machen. In der Zwischenzeit kamen einige Nachbarinnen zu seiner Frau, und sie lud sie ein, von dem köstlichen Fleisch zu probieren, von dem bald nichts mehr übrig war. Als der Hodscha zurückkam und zum Mittagessen nur Suppe serviert bekam, traute er seinen Augen nicht. "Wo ist das Fleisch?", fragte er seine Frau. "Das hat die Katze gefressen", erwiderte sie. Der Hodscha sah die Katze an, die sehr klein und mager war. Er nahm die Katze und legte sie auf die Waage. Sie zeigte genau ein Kilo an. Da rief Nasreddin Hodscha sehr erstaunt aus: "Wenn dies das Fleisch ist, wo ist denn dann die Katze? Wenn aber dies die Katze ist, wo ist dann das Fleisch?"

WIRKLICH?

Ein Nachbar fragte den Hodscha: Hodscha, warum beantwortest Du jede Frage mit einer Gegenfrage? Entgegnete dieser: Tue ich das wirklich?

DIE BELOHNUNG

Ein Taxifahrer und ein Mullah sterben und kommen in den Himmel. Dort angekommen erhalten beide ihre Belohnung für ihr Tun auf der Erde. Der Taxifahrer erhält eine große Villa mit einem riesigen Garten, durch den Bäche frischen Wassers fließen und in dem viele Obstbäume stehen. Der Mullah hingegen erhält eine alte Baracke, umgeben von wüstem Ödland.

Der Mullah ist empört und beschwert sich: “Warum erhält der Taxifahrer einen so großen Lohn!? Ich war jeden Tag in der Moschee und habe gepredigt, doch nie habe ich den Taxifahrer dort beten sehen!”

Ihm wird geantwortet: “Das stimmt, doch wenn du in der Moschee gepredigt hast, haben alle Anwesenden geschlafen, aber wenn der Taxifahrer gefahren ist, haben alle seine Passagiere die ganze Zeit gebetet!”