Ein Sonntag im Juni oder die Ökonomisierung des Alltags

Was tut ihr den Menschen an?

Von Hans-Jürgen Volk


Manchmal mag es sinnvoll sein, einfach Geschichten aus dem Alltag zu erzählen.

Es ist ein normaler Sonntag im Juni 2013, den ich so schnell nicht vergessen werde. Er bringt eine Reihe von Begegnungen mit sich, die exemplarisch ein Schlaglicht auf Entwicklungen in unserer Gesellschaft werfen. Natürlich sind es meine Erfahrungen aus dem Kontext einer strukturschwachen Region im nördlichen Rheinland-Pfalz. Der eigene Standort bestimmt die Perspektive. Jede Perspektive hat ihr Recht auf Wahrnehmung.

Der sonnige Frühsommermorgen beginnt für mich mit einem Gottesdienst. Ich predige über einen Text aus dem 1. Johannesbrief - 1. Joh. 1,5-2,2. Am Schluss der Predigt fasse ich meine Gedanken noch einmal zusammen: „Das ist der große Vorteil, den wir als Christen haben: wir können uns sehen, wie wir sind, ohne unsere Selbstachtung zu verlieren. Wir wissen wohin mit der Schuld und dem Müll, der auf unserer Seele liegt. Denn: Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Jesus treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Dies schenkt die Freiheit, eigene Schuld zu erkennen und anderen zu vergeben. Wir werden nie perfekt sein. Christen  und Christinnen wissen jedoch: Ich bin zutiefst angewiesen auf die Liebe, die Gnade und die Vergebung durch Gott. Und ich bekomme all dies durch Jesus geschenkt.“ Diese Aussagen habe ich zuvor kontrastiert mit dem im Berufsleben vorhanden Druck zur Selbstoptimierung und Selbstvermarktung. „Hauptsache, man kann sich gut verkaufen.“ Ähnlich problematisch sind idealisierte Selbstbilder, die wir uns nur ungern beschädigen lassen.

„Qualitätsmanagement“ bei der Geburtshilfe

Nach dem Gottesdienst spricht mich eine Mitarbeiterin an. Von Beruf ist sie Hebamme, engagiert sich äußerst eindrucksvoll in der Kinderarbeit und bereichert unsere Kirchenmusik. Die Predigt hätte sie bewegt, sagt sie und erzählt von einer pflichtgemäßen Fortbildung, in der sie als freiberuflich tätige Hebamme im Unternehmertum geschult wurde. Sie bezweifelt entschieden den Sinn von „Qualitätsmanagement“ und ähnlichen der Betriebswirtschaft entlehnten Instrumenten in ihrem Beruf und beklagt die zeitfressenden, ausufernden Dokumentationspflichten. „Es macht keinen Spaß mehr!“ sagt sie am Schluss dennoch fröhlich und betont, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wird.

Diese Frau ist eine wahrhaft eindrucksvolle Person, die mit wenig spektakulärer Beharrlichkeit und Energie ihren Stil durchzieht. Mit hohem Einfühlungsvermögen und sanfter Stringenz leistet sie für die jungen Familien in unserer Kirchengemeinde und weit darüber hinaus wesentlich mehr als Geburtshilfe. Sie genießt ein hohes Ansehen. Es ist schädlich, derartige Menschen mit berufsfremden Instrumentarien zu demotivieren und in ihrer fachlichen Autonomie einzuschränken!

Mir geht durch den Sinn, wie kurz der Weg vom „Qualitätsmanagement“ bei der Geburtshilfe zum gentechnisch optimierten Designerbaby ist.

Diese lebensfremde und lebensfeindliche Transformation betrifft bei weitem nicht nur den angesichts der hohen Verantwortung viel zu gering entlohnten Beruf der Hebamme, sondern das gesamte Gesundheitswesen, die Justiz, den Bildungsbereich, Polizei, öffentliche Verwaltung und die Kirchen. Durch eine politisch gewollte künstliche Verknappung materieller Ressourcen hat man in Bereichern mit einer ehemals eigenständigen Kultur eine Ökonomisierung vorangetrieben, die Menschen in ihrer Berufung belastet und beschwert. Der Alltag bietet bedrückend viele Beispiele, dass es schädlich ist, die Erziehung von Kindern, Geburtshilfe oder das Führen von Pflegeheimen oder Krankenhäusern mit den gleichen Methoden zu betreiben wie die Produktion von Autos, Kühlschränken oder Panzern.

Ich muss mich an dieser Stelle zurückhalten. Denn was ich gerade abstrakt reflektierend niedergeschrieben habe, ist gedeckt durch Erfahrungen, die ein Dorfpfarrer in den vergangenen Jahren dutzendfach gemacht hat: unverantwortlich frühe Entlassungen aus Krankenhäusern von teilweise hochbetagten Menschen, die Odyssee von erkrankten Gemeindegliedern mit dem Rettungswagen zu mehreren Krankenhäusern, bis schließlich eines zur Aufnahme bereit war, die Erzieherin, die allein beim Stichwort „Evaluation“ genervt die Augen rollt, der übermüdete Polizist, der mir von schwierigen Einsätzen und einem Berg von Überstunden erzählt, die irgendwann am St. Nimmerleins-Tag durch Freizeit abgegolten werden sollen, der Lokführer mit Schlafstörungen, dem der brutale Schichtbetrieb bei der Bahn immer mehr zu schaffen macht, oder die von ihrem Arbeitgeber degradierte Bankerin, die ihre Kunden zu wenig im Bankeninteresse beraten hat, sich also weigerte, ihnen irgendwelche obskuren Finanzprodukte aufzuschwatzen. Ich kenne viele Menschen, die einst mit Freude, Idealismus und hohem Engagement in ihrem Beruf aufgegangen sind. Aber auch bei längerem Überlegen fällt mir keine Person ein, dem diese Mischung von Personalabbau und dem Versuch, durch eine fachfremde betriebswirtschaftlich angehauchte Methodik die „Qualität“ dennoch zu steigern, diese Freude nicht teilweise ausgetrieben und das Engagement gedämpft hätte. Allein dies deutet auf eine skandalöse Ineffizienz hin, die darin ihre Ursache hat, einst motivierte und selbstbewusste Menschen zu demotivieren mit einer Methodik, die diesen übergestülpt wurde und von deren Sinnhaftigkeit sie alles andere als überzeugt sind.

Menschen am Rand der Verzweiflung und die Krankenkassen

Doch zurück zu jenem Sonntag. Nach Gottesdienst und Kirchenkaffee ging ich gemeinsam mit meiner Frau zu Frühlingsfest des Männergesangvereins - eine gute Gelegenheit, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und manchmal auch zur Seelsorge. Ich traf eine Frau Ende fünfzig, die vor 5 Jahren an Krebs erkrankt war. Ich freute mich herzlich, sie auf dem Festplatz anzutreffen, denn erst vor kurzem war sie erneut operiert worden. Sie und auch ihr familiäres Umfeld hatten nach einer Fehlbehandlung und einer Reihe zweifelhafter Eingriffe unendliches durchgemacht. Ihr größtes gesundheitliches Problem war nicht mehr der Krebs, sondern ein „Krankenhauskeim“, den sie sich in jener Anfangsphase ihrer Erkrankung zugezogen hatte. Dieser Keim hatte sich nun an der Wirbelsäule wieder bemerkbar gemacht und war Ursache für die letzte Operation gewesen. Nach drei Jahren, so berichtet mir die Frau, schickt jenes erste Krankenhaus eine Rechnung von über 30.000 € für die teilweise fragwürdigen bis überflüssigen Operationen. Die Krankenkasse weigert sich, den Betrag vollumfänglich zu übernehmen. Die Patientin, deren Zustand insgesamt immer noch kritisch ist, zwischen Baum und Borke, einem unwürdigen Gerangel ausgesetzt, das neben die bange Frage, wie hoch die eigene Lebenserwartung sein mag, nun auch noch materielle Sorgen treten lässt. Sie ist privat versichert und auf Grund dieses Status‘ dem Risiko kostenintensiver, nicht wirklich notwendiger und manchmal sogar schädlicher Behandlungen ausgesetzt, für deren Kosten sie zunächst auch noch in Vorleistung treten muss. „Eigentlich müssten wir das Krankenhaus verklagen“ sagt ihr Ehemann, der dabeisteht, „aber dazu fehlt uns die Kraft.“

Eine andere Familie geht mir durch den Kopf, die ich erst vor ein paar Tagen besucht habe. Die Tochter, ein kleines Mädchen von drei Jahren, trug bei einem tragischen Verkehrsunfall schwere Kopfverletzungen davon und liegt seit drei Monaten im Wachkoma. Seit etlichen Wochen befindet sie sich in einer Spezialklinik etliche hundert Kilometer vom Westerwald entfernt. Beide Eltern sind eigentlich berufstätig. Die Mutter ist jedoch seit Wochen bei ihrer Tochter in der Klinik und der Vater ist nur eingeschränkt in der Lage, arbeiten zu gehen, da er sich um die anderen Kinder kümmern muss. Die Familie überlebt auf Grund der unglaublichen Solidarität des nachbarschaftlichen Umfelds und zahlreicher anderer Menschen, die materielle Hilfe leisten. Diese Hilfsbereitschaft ist bewegend. Umso bedrückender ist das Verhalten der Krankenkasse. Vorerst weigert sie sich, das Mädchen als Pflegefall einstufen zu lassen, obwohl der Bedarf mehr als offenkundig und drängend ist. Die Familie wird von der Kasse alleine gelassen - gut, dass es die bewegende Hilfsbereitschaft im Umfeld gibt.

Vor wenigen Monaten habe ich einen Mann Mitte 80 beerdigt, der auf vielfache Weise gesundheitliche Probleme hatte. Im Mittelpunkt stand eine Erkrankung an Parkinson, dazu kam schweres Asthma und eine Erkrankung der Nieren. Beim Trauergespräch traf ich auf Angehörige voller Bitterkeit, die kaum in der Lage waren, ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Zu groß war die Empörung über das Verhalten eines Mitarbeiters des medizinischen Dienstes der Krankenkassen, der jenen Mann knapp vier Wochen vor seinem Tod von Pflegestufe 3 auf 1 herabgestuft hatte.

Ich möchte nicht moralisierend MitarbeiterInnen der Krankenkassen oder des medizinischen Dienstes pauschal an den Pranger stellen, zumal ich auch immer wieder die Erfahrung mache, dass Abläufe bei Erkrankungen oder Pflegebedarf problemlos funktionieren. Die problematischen Fälle treten jedoch in meinem Erfahrungsbereich in den letzten Jahren derart gehäuft auf, dass man von einem in menschlicher Hinsicht systemischen Versagen sprechen muss. Menschen, werden in ihrem Beruf zu einem oft rigorosen Verhalten gedrängt, dass die ökonomischen Interessen der eigenen Institution vorrangig gegenüber der Bedürftigkeit von Menschen behandelt, die auf Grund von Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit oder anderen Schicksalsschlägen am Rande der Verzweiflung sind. Ethisch ist es inakzeptabel, einer Familie, deren kleine Tochter im Koma liegt, die nötige Hilfe auf Grund der ökonomischen Interessen der Institution, bei der man beschäftigt ist, zu verweigern. Dieselben Menschen, die zumeist aus der Ferne derartige Entscheidungen treffen, würden als Privatpersonen mit der Situation der Familie konfrontiert völlig anders reagieren. Es ist ein System, das Individuen charakterlich deformieren und in die Kälte treiben kann. Umso höher ist die Integrität und der Mut jener Ärzte und Ärztinnen, Angestellten, Pflegerinnen und Pfleger oder Hebammen zu werten, die fachlich und ethisch korrekt gegen dieses System entscheiden und sich dafür nicht selten als „Gutmenschen“ denunzieren lassen müssen und ihre Karrierechancen reduzieren.

Biotope der Menschlichkeit

Jenes System steht menschlicher Nähe feindselig gegenüber. Da liegt das Schreiben einer Versicherung auf dem Schreibtisch. Vor kurzem noch gab es eine Ansprechpartnerin in der benachbarten Kleinstadt. Nun wird man verwiesen auf eine Dame, die in Koblenz ihren Arbeitsplatz hat, eine gute Autostunde entfernt. Statt Bekanntheit und Vier-Augen-Gesprächen gibt es in Zukunft bestenfalls telefonische Kontakte. Fusionen rufen derartige Effekte hervor, diese sind an höherer Stelle hochwillkommen, denn dort hat man die Sorge, dass menschliche Nähe die Objektivität trübt und gefühlsbewegte Entscheidungen zu Lasten der wirtschaftlichen Interessen der eigenen Institution fördert. Deswegen haben Postzusteller in der Regel keine eigenen Bezirke mehr. Einige Pflegedienste lassen ebenfalls ihre MitarbeiterInnen munter rotieren, damit kostbare Zeit nicht durch Gespräche mit einsamen Klienten verloren geht.

Da hat das Frühlingsfest des Männergesangvereins fast etwas Subversives. Hier werden Beziehungen gepflegt, man tauscht sich aus, lacht, isst und trinkt gemeinsam, streitet sich und signalisiert Unterstützung in praktischen Lebensfragen. Nacheinander begegne ich zwei Bürgermeistern, gestandene Männer, die sich mit viel Einsatz und Herzblut für die Menschen in ihren Dörfern einsetzen und zugleich in verschiedenen Vereinen Verantwortung übernehmen. Sie sind ein wenig älter als ich. Der Arbeitsmarkt hat keine Verwendung mehr für die beiden, obwohl sie zuvor Beachtliches für in ihren Berufen geleistet haben. Beide genießen hohes Ansehen, man mag sie. Sie tragen wie Viele andere auch mit bei zu einem Geflecht an menschlicher Nähe, das jede Menge Sozialarbeiten, Psychologen oder Schuldnerberater einspart. Einige jüngere Frauen und ein junger Mann stehen zusammen, sie engagieren sich für die Jugendarbeit in der Kirchengemeinde. Eine ältere Frau, die auch in unserer Frauenhilfe aktiv ist, begegnet mir. Sie besucht regelmäßig die wachsende Zahl der Hochbetagten in ihrem Umfeld, liest ihnen aus der Bibel vor und betet mit ihnen. Gemeinsam mit anderen Frauen macht sie Besuche in benachbarten Altenheimen. Da ist der Handwerksmeister, Mitglied in unserem Presbyterium, Sänger beim MGV, der regelmäßig ein älteres Ehepaar, das selbst nicht mehr mobil ist, in die benachbarte Kleinstadt zum Einkaufen fährt. Dies sind nur Beispiele, ich könnte die Reihe engagierter Menschen endlos fortsetzen.

Vor einigen Wochen besuchte mich ein Kollege im Ruhestand, eine ehemaliger Landespfarrer, der einmal für Organisationsentwicklung zuständig war. Er gab mir einige wirklich hilfreiche Tipps. An einem Punkt stellten wir allerdings einen unüberbrückbaren Dissens fest. Er versuchte mich davon zu überzeugen, dass die Kirchengemeinde in Konkurrenz mit Vereinen und anderen Freizeitanbietern stehen würden und sich ebenfalls auf dem religiösen „Markt“ behaupten müsste. Ich wünsche mir, er könnte jetzt die Szene auf dem Festplatz wahrnehmen. Da gibt es zwar auch ein paar „Konsumenten“, die allerdings durch ihre Anwesenheit auch Unterstützung signalisieren und damit deutlich machen, dass ihnen die Gemeinschaft im Nahbereich wichtiger ist, als das hochattraktive Freizeitangebot einige dutzend Kilometer entfernt. Überwiegend sind da allerdings Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen und dass Miteinander stärken wollen. Die Engagierteren sind sowohl im Gemeinderat, einem oder mehreren Vereinen, manchmal auch in Parteien, oft auch in der Kirchengemeinde aktiv. Der Einsatz gilt den Menschen, dann sicherlich auch den verschiedenen Gemeinschaften mit jeweils hoher gemeinsamer Schnittmenge, am wenigsten Institutionen oder Organisationen. Hier strategisch mit „Marktkategorien“ zu operieren wäre schlicht destruktiv. Würde ich mich leiten lassen von einer durch Wettbewerb und Konkurrenz bestimmten Denk- und Handlungsweise, wäre dies eine massive Beziehungsstörung. Destruiert würden die menschliche Nähe, das Miteinander und letztlich die Menschlichkeit.