Die langen Schatten der NS-Zeit

Von der Destruktivität autoritärer Prägungen -
Ein biographisches Essay
Von Hans-Jürgen Volk

Die nachfolgenden Zeilen habe ich zunächst für mich selbst geschrieben. Anlass war eine gesundheitliche Krise. Als der Vorsatz entstand, den Text zu veröffentlichen, habe ich Vieles weggelassen - hierzu gehören Erfahrungen mit Personen aus meinem engsten Familienkreis. Ich würde mich freuen über einen ehrlichen, aufrichtigen Dialog mit Menschen meiner Generation, aber ebenso auch mit jüngeren Menschen mit möglicherweise ganz anderen Erfahrungen. Denn ein solcher Austausch scheint mir ein gutes Gegenmittel gegen die Destruktivität autoritärer Prägungen zu sein, die bereits in dem Moment an Wirksamkeit verlieren, wenn man sich ihrer bewusst wird.

Der  Psychologe, Philosoph und Sozialwissenschaftler Erich Fromm gehört zu den Autoren, die mich als jungen, politisch engagierten Menschen geprägt und fasziniert haben. Seine Schriften waren das Gegengift - neben der ehrenamtlichen Arbeit mit sog. geistig behinderten Menschen - gegen den überwiegend destruktiv-autoritären Geist, der das kleinstädtische Milieu dominierte, in dem ich aufwuchs. Der ältere Theologe sieht naturgemäß Vieles anders als der damalige Jugendliche. Dennoch prägen mich bis heute Gedanken und Wahrnehmungen von Fromm. Manches von dem, was er publiziert hat, scheint mir aktueller denn je. Hierzu zähle ich unter anderem sein wunderbares Buch "Haben oder Sein". Die nachfolgenden Ausführungen folgen u.a. Gedanken von Erich Fromm und stützen sich auf meine persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen. Gewiss wird man auch den Einfluss anderer Autoren im Text entdecken können.

Autoritäre Persönlichkeit

Die Situation im heutigen Europa erinnert auf bedrückende Weise an der 20-er und 30-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Damals etablierten sich in vielen europäischen Staaten faschistische Bewegungen. Unter stalinistischem Einfluss zeigten sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums autoritär-repressive Züge. Deren Repräsentanten konnten teilweise übergangslos zur extremen Rechten wechseln. Das Phänomen, dass Teile der Arbeiterbewegung eine bedenkliche Affinität zum Faschismus entwickelten, veranlassten Forscher wie Fromm, Horkheimer, Reich oder Adorno bereits in den 30-er Jahren über das Problem der "autoritären Persönlichkeit" nachzudenken.
Es ist ein Zusammenspiel von autoritär-repressiven staatlichen Institutionen, entsprechend repressiven Bedingungen in der Arbeitswelt und familiären Prägungen, das die autoritäre Persönlichkeiten gedeihen lässt.

Kennzeichen der autoritären Persönlichkeit sind u.a.:

  • Hang zur Unterordnung und zum Konformismus;
  • Feindseligkeit gegenüber dem Anderen, der ethnisch fremd ist und/oder der einer anderen Weltanschauung oder Religion folgt;
  • Aufteilung der Welt in Gut und Böse, dualistische Weltsicht;
  • Gefolgschaft statt kritischer Reflektion

Fromm unterscheidet zwischen rationaler und irrationaler Autorität. Rationale Autorität stützt sich auf Kompetenz. Sie wird z.B. sichtbar im Verhältnis eines guten Lehrers zu seinem Schüler. Dieser Lehrer ist bemüht, die Potenziale der ihm anvertrauten Person zu Entfaltung zu bringen und sie wachsen zu lassen. Ein derartiger Pädagoge wird es mit Wohlwollen zulassen und fördern, wenn ihn der Schüler eines Tages überflügelt. Irrationale Autorität dagegen stützt sich auf institutionelle Macht. Sie legt es darauf an, untergeordnete Personen gefügig und abhängig zu machen. Sie strebt nach Kontrolle und Unterwerfung.

Autoritäre Persönlichkeiten sind auf der Flucht vor der Freiheit. Ihre Macht und ihr geliehenes Selbstbewusstsein gründet in der Unterordnung in das hierarchische Gefüge von Institutionen, Ideologien oder Idolen.

Seit längerer Zeit beschäftigt mich folgende Frage: Wie kommt es, dass Menschen, die wie ich in der Friedens- und Ökologiebewegung politisch sozialisiert worden sind und mit denen ich mich vor etlichen Jahren noch gut verstand, heute zu Konformismus neigen, karriereorientiert sind und ihre alten Positionen wenn nicht abgelegt, so doch derart deformiert haben, dass man sie kaum mehr wiedererkennen kann? Eine mögliche Antwort: autoritäre Prägungen wirken wie eine Infektionskrankheit, die lange unbemerkt im Körper schlummert, bis sie auf Grund biographischer oder gesellschaftlicher Veränderungen ausbricht.

Eine Kleinstadt als Gastgeberin der Waffen-SS

Altenkirchen ist eine sympathische Kleinstadt im nördlichen Westerwald. Es herrscht ein insgesamt offenes, tolerantes Klima. Man bevorzugt ähnlich wie im Ruhrgebiet die klare Aussprache.

Ende der 20-er und in den 30-er Jahren fühlte sich allerdings ein Großteil der von Abstiegsängsten geplagten Mittelschicht, der Industriearbeiterschaft und der bäuerlichen Bevölkerung von den Nationalsozialisten angezogen. Die Komplexität der Probleme, die soziale Not sowie die Niederlage im 1. Weltkrieg verbunden mit dem als Demütigung empfundenen Versailler Vertrag schufen den Nährboten für autoritäre Lösungen und die Sehnsucht nach dem "starken Mann", der weiß, wo es lang geht.

In der Nachkriegszeit gab man sich nach außen demokratisch gewendet. In Altenkirchen erlangten meistens die Sozialdemokraten die Mehrheit im Stadtrat. Dennoch war bei Vielen die autoritäre Prägung wirksam.

Dies äußerte sich in einer bis in den 60-er und 70-er Jahre hinein vorherrschenden "Schlussstrichmentalität", die eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit blockierte. In Altenkirchen war dies u.a. an der bedrückenden Tatsache zu erkennen, dass sich dort der Traditionsverband der Waffen-SS "Hohenstaufen" jahrelang regelmäßig traf. Die Situation eskalierte, als der Traditionsverband ein eigenes Ehrenmal für die "gefallenen Kameraden" in unmittelbarer Nähe des städtischen Ehrenmals errichten wollte und damit zunächst die einstimmige Zustimmung des Stadtrats fand. Dokumentiert sind diese Vorgänge auf der Homepage von Günter Fleischer unter der Überschrift "Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Altenkirchen/Westerwald".

Im Herbst 1976 riefen wir mit einem Bündnis von politischen und kirchlichen Jugendorganisationen zu einem Schweigemarsch gegen die Treffen der Waffen-SS sowie die Zumutung des geplanten SS-Ehrenmals auf. Außerdem ging es uns darum, an die Opfer des Nazi-Regimes zu erinnern und auf die Kriegsverbrechen der SS-Verbände hinzuweisen. Auch damals konnte man schon wissen, dass die 9. SS-Panzerdivision "Hohenstaufen" in Frankreich und später vermutlich auch im Rahmen der Ardennen-Offensive Ende 1944 Kriegsverbrechen verübt hatte.

Mehrere hundert Menschen kamen zu dem Schweigemarsch, in der Mehrzahl Jugendliche. Das war bewegend und ermutigend. Wir zogen schweigend vom Schlossplatz Richtung Bahnhof. Was die meisten von uns allerdings völlig unvorbereitet traf, war die pure Feindseligkeit, die uns vom Straßenrand und aus den Fenstern der anliegenden Häuser entgegenschlug. Dort befand sich der Generation unserer Eltern und Großeltern. "Geht doch nach drüben!" war noch die harmloseste Aufforderung. "Nestbeschmutzer!" "Kommunistenpack!" "Ihr gehört alle an die Wand gestellt!" "Der Adolf hätte euch ins Gas geschickt, und das mit Recht!" Derartige Sprüche wurden uns entgegen gezischt.

Ich machte damals die für einen Jugendlichen äußerst befremdliche Erfahrung, dass selbst im engeren Familienkreis ein Gespräch über die Rolle des Waffen-SS und erst recht über die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen nicht möglich war. Das Vorbringen gesicherter Fakten wurde quasi als persönlicher Angriff gewertet. Fast wohlwollend wirkte da noch das Totschlagargument: "Du warst doch nicht dabei, das kannst du doch gar nicht beurteilen!"

Vermutlich war es weniger unser Schweigemarsch, als vielmehr der Einsatz einiger mutiger, aufrechter Menschen der älteren Generation, dass es in Altenkirchen zu einem Umdenken kam. Der Stadtrat zog aus Sorge um den Ruf der Stadt seinen Beschluss zurück. Der Traditionsverband "Hohenstaufen" verzichtete seinerseits auf die Errichtung des Ehrenmals. Bis heute wird in Altenkirchen eine beachtliche Erinnerungskultur gepflegt, die das Schicksal der verfolgten Juden sowie anderer Opfer der NS-Zeit in den Mittelpunkt stellt.

Tatort Schule

Längst nicht alle der damaligen Eltern- und Großelterngeneration war damals so gestrickt, wie jenes Randpublikum in Altenkirchen, von denen sich einige durch ihre Zurufe als Hardcore-Nazis zu erkennen gaben. Dennoch waren diese Altersgruppen geprägt durch die Einflüsse der Nazi-Zeit. Diese Prägungen gaben sie an ihre Kinder und Enkel weiter. "Stell dich nicht so an!" "Man muss auch mal auf die Zähne beißen!" "Nimm dich nicht so wichtig!" "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!" "Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter!" Mit diesen und ähnlichen Mantras wuchsen wir auf. Dahinter verbarg sich jene Ideologie, nach der der Einzelne nur als nützliches Element der Volksgemeinschaft etwas zählt. Härte und Drill in der Erziehung wurden von allzu Vielen für unumgänglich gehalten, da im Daseinskampf nur der Starke eine Existenzberechtigung hat. Das "folgsame Kind" war das vorherrschende Erziehungsideal.

Diese Haltung wirkte in der häuslichen Erziehung, bei der in jener Zeit körperliche Züchtigungen zur Normalität gehörten. Allerdings auch an den Schulen dominierte oft eine mehr oder minder ausgeprägte "schwarze Pädagogik", bei der es darum ging, die Individualität von schwer handhabbaren Kindern zu brechen, um sie danach neu hin zum Erziehungsideal des pflichtbewussten Volksgenossen zu konstituieren. Meine schulischen Erinnerungen beziehen sich auf meine Heimatstadt Betzdorf.

Es gab auch Ausnahmen, wie jene etwas füllige Religionslehrerin, die fantastisch erzählen konnte und von der Wärme und Wohlwollen ausgingen. Anfangs hatte sie Problem mit der Riesenklasse von weit über 40 Kindern, später hingen wir gebannt an ihren Lippen. Im 2. Schuljahr wurde unsere Klasse von einer Junglehrerin übernommen. Schule machte plötzlich Freude. Die Frau war einfach wunderbar in ihrer Zugewandtheit wie auch in kreativen Art, den Unterricht zu gestalten. Ich habe Tränen vergossen, als wir nach wenigen Wochen des 3. Schuljahres wieder unseren alten Lehrer bekamen.

Der gehörte zu den Pädagogen, die mit Angst und Schrecken die Klasse in Schach hielten. Ich erinnere mich an die Szene, wie er zu Beginn des Schultages einen Schüler nach vorne holte. Er wies ihn zurecht, da der Schüler es offenbar versäumt hatte, den Lehrer, dem er bei einem Sonntagsspaziergang begegnet war, zu grüßen. Der Pädagoge steigerte sich in eine Schimpfkanonade hinein, die immer wieder mit heftigen Ohrfeigen angereichert wurde. Das Ganze dauerte endlos und war beklemmend und grauenhaft!

Noch schlimmer war die folgende Szene: ein Schüler, ein schmächtiger, stiller Klassenkamerad, hatte offenbar Schwierigkeiten mit seiner Blase. An einem Vormittag musste er mehrfach austreten. Dies ging dem Lehrer schließlich derart auf die Nerven, dass er dem Schüler den Gang zur Toilette verwehrte und ihn zwang, sich auf seinen Stuhl zu stellen. Da stand der Arme nun, fast bis zu Ende der Stunde. Noch bevor die Pausenschelle ertönte, sah man, wie seine Hose nass wurde. Mit hochrotem Kopf kam der Lehrer auf den Schüler zu offenbar mit der Absicht, ihn zu maßregeln, als dieser langsam vom Stuhl kippte und in Ohnmacht viel. Der Lehrer konnte ihn gerade noch auffangen und ließ zum ersten Mal so etwas wie Betroffenheit erkennen.

Ich könnte jetzt noch seitenweise weitere Beispiele vom Grauen des damaligen Schulalltags anführen. Da gab es die Lehrerin, die jeden Morgen mit einer Stofftasche zum Unterricht kam, die mit 5-6 Rutenbündeln gefüllt war. Nach Schulschluss waren die in der Regel "verbraucht". Einmal sah ich durch eine offene Tür, wie sie mit wachsender Wucht den Allerwertesten eines Mitschülers mit der Rute bearbeite, dass buchstäblich die Fetzen flogen. Misshandlungen mit dem Lineal oder dem Rohrstock auf die Finger waren an der Tagesordnung.

Mitte der 70-er Jahre, ich war in der 11. Klasse auf dem Gymnasium, verpasste ein Lehrer einem Schüler eine derart heftige Ohrfeige, dass diesem das Trommelfell platzte. Dieser Lehrer war Linkshänder. Und wenn er es für nötig hielt, einen Schüler zu ohrfeigen, holte er mit der Rechten aus um kurz darauf mit der Linken zuzuschlagen. Heute würde dieser Mensch vor Gericht landen und suspendiert werden. Damals wurde er kurz nach seiner Attacke vom Oberstudienrat zum stellvertretenden Studiendirektor befördert.

Vor einigen Jahren hätte ich meine Kindheit und Jugend überwiegend positiv dargestellt. Da gab es ja tatsächlich viele Schattierungen und Abstufungen. Wir hatten eben auch zugewandte und gute Lehrer. Die erwachsenen Autoritäten konnten ermutigen und waren mitunter zu einem liebevollen Umgang fähig. Man verdrängt die dunklen Töne und deshalb erweisen sie sich oft als umso prägender. Es ist mühsam und schmerzhaft, sich diesen Elementen der eigenen Biographie bewusst zu stellen.

Eine Schlüsselszene vom "Tatort Schule" sollte noch Erwähnung finden - und hier spielen Lehrkräfte nur am Rande eine Rolle. Jener Klassenkamerad, der sich in die Hose gemacht hatte, fand sich wenig später in einer Gruppe von Mitschülern wieder. Aus der Distanz konnte ich erkennen, dass die üblichen 2-3 Rabauken aus unserer Klasse dabei waren, in zu hänseln. Zu meinem Erstaunen gehörten allerdings auch einige Mädchen zu der Gruppe, die zu den Klassenbesten gehörten. Ich ging näher. Der Mitschüler wurde hin und her geschubst. "Hosenpisser, Hosenpisser!" wurde gerufen, lautstark und gehässig gerade auch von den "Musterschülerinnen". Als ihn dann einer der Rabauken in den Nacken boxte, ging ich dazwischen und vermöbelte meinerseits den Angreifer. Ein Lehrer tauchte auf, verpasste mir eine Portion Ohrfeigen und verdonnerte mich zum Nachsitzen.

Hier wird deutlich, dass eine autoritäre Erziehung schlimme Nebenwirkungen hat. Sie produziert jenen Menschentyp des "braven Untertanen", der nach oben buckelt und nach unten tritt. Die eigene Hilflosigkeit und die eigene Wut lässt man an Schwächeren aus. Für mich selbst ergab sich eine andere Wirkung. Geraten Schwächere unter die Räder, habe ich die reflexartige Neigung, ihnen beizustehen - damals allerdings mit der zweifelhaften Methode, angetrieben von der eigenen Empörung zurückzuschlagen. Dass ist aus meiner Sicht eine große Gefahr, dass einen die eigene Empörung über Unrecht, Zwang und Gewalt ins Irrational-Autoritäre abgleiten lassen kann. Dennoch: Autoritäre Persönlichkeiten verlieren bei mir jeden Respekt. Denn: Wer sich nur so behaupten kann, dass er andere klein macht, hat keinen Respekt verdient.

Strategien der Unterwerfung

Meine Erinnerungen an die dunklen Töne meiner Kindheit und Jugend wurde u.a. durch die Aufdeckung von Missbrauchstatbeständen in kirchlichen Einrichtungen und Kinder- und Jugendheimen befördert. Ich war konsterniert. Denn vieles unterhalb der Schwelle des direkten sexuellen Missbrauchs gehörte damals zu meinem selbstverständlichen Alltag.
Beide Kirchen waren damals weithin Teil des auf Unterwerfung und Konformismus ausgerichteten irrational-autoritären Netzwerkes und bieten bis heute autoritären Persönlichkeiten gute Karrierechancen. Auch im Bereich des Religiösen - aber bei Weitem nicht nur dort -kamen immer wieder Strategien der Unterwerfung zur Anwendung mit dem Vorsatz, die Institution zu stärken und die Macht von Einzelpersonen abzusichern.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass irrational-autoritäre Persönlichkeiten und Strategien auch im linken politischen Spektrum anzutreffen waren und sind. Strategien der Instrumentalisierung und Unterwerfung, der Manipulation oder der skrupellosen Anwendung von psychischer und physischer Gewalt sind Aspekte menschlicher Abgründigkeit, die unabhängig von politischen oder religiösen Grundorientierungen begünstigt durch bestimmte materielle Rahmenbedingungen auftreten. Meiner Erfahrung nach wächst die Neigung zum Autoritären mit der Komplexität und der subjektiv empfunden Bedrohlichkeit der politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Situation. Einfache Antworten und die Hingabe an "starke Führungspersönlichkeiten" gewinnen dann offenbar an Anziehungskraft.

Der menschliche Geist ist äußerst kreativ, wenn es darum geht, Macht über andere Menschen zu erlangen. Ein Beispiel ist die Türkei Erdogans nicht erst seit dem gescheiterten Putsch. Die Massenentlassungen und Massenverhaftungen verunsichern breite Bevölkerungskreise und erzwingen Konformität, zumal sie mit dem oft hemmungslosen Einsatz physischer Gewalt verbunden sind. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken verbunden mit der zunehmenden Beherrschung der Medien und der Justiz.

Nun sind im Alltag die Strategien der Unterwerfung in der Regel subtiler angelegt.

Ausgangspunkt ist oft die Sehnsucht nach dem "Neuen Menschen", der sich je nach Ideologie durch gesteigerte Leistungsfähigkeit, höhere Sittlichkeit bzw. ausgeprägte Sozialität auszeichnet. Die konservativ-reaktionäre Variante besteht in einem skeptischen Menschenbild in Verbindung mit der Prämisse einer elitären Elite. Hier geht es um das Bemühen, den "Durchschnittsmenschen" auf Grund seiner angeblich reduzierten Einsichtsfähigkeit durch die Erziehung zum Gehorsam zu disziplinieren, sodass er zum wirksamen Werkzeug in der Hand derer wird, die sich zur Elite gehörig fühlen. Im Hitler-Faschismus wurde so aus dem biederen Durchschnittsmenschen der "Herrenmensch".

Beide Varianten stehen im scharfen Widerspruch zum "wirklichen Menschen" (Dietrich Bonhoeffer), der zugleich abgründig und tugendhaft ist, der deformiert ist durch Verletzungen und Traumata und der ebenso bemerkenswerte Potentiale in sich trägt. Es ist die Frau oder der Mann in der Nachbarschaft. Er oder sie kann gemein und verletzend sein. An besseren Tagen kann die Umarmung oder das freundliche Wort dieses Menschen, seine Hilfsbereitschaft oder sein Mitgefühl die Welt zu einem besseren Ort machen.

Hier einige Beispiele für Strategien der Unterwerfung - ohne den Anspruch auf Vollständigkeit:

„Vertrauen“ – Gehorsam - Gefolgschaft

Möglicherweise kennen Einige noch die Geschichte vom Schrankenwärter und seinem Sohn, die ich als Kind in den 60-er Jahren zum ersten Mal erzählt bekam. Ich zitiere aus meinem Gedächtnis:

„Der Schrankenwärter trug große Verantwortung. Wurde das Einfahren eines Zuges am Bahnübergang angezeigt, hatte er die Schranke zu schließen. Er freute sich, wenn sein kleiner Sohn ihn besuchte. Er liebte ihn sehr.

Um auf Gefahren durch den Zugverkehr hinzuweisen, trug der Schrankenwärter eine Trillerpfeife bei sich. Wenn sein Sohn bei ihm war, geschah es regelmäßig, dass der Schrankenwärter in die Trillerpfeife blies. Der Sohn hatte die strikte Anweisung, sich beim Klang der Trillerpfeife auf den Boden zu werfen, wo er auch stand.

Eines Tages reagierte der kleine Junge nicht auf den Ton der Pfeife. Da kam der Vater und prügelte seinen Sohn durch. „Aber es kommt doch nie ein Zug!“ sagte der Kleine verzweifelt. „Wichtig ist, dass du auf mich hörst. Das wird eines Tages dein Leben retten.“ antwortete der Vater.

Einige Tage später ertönte die Pfeife und der Sohn warf sich zu Boden. Das rettete ihm tatsächlich das Leben, denn diesmal rauschte ein Zug heran. Der Sohn hatte dem Vater gehorcht, weil er einsah, dass alles aus Liebe zu ihm geschah.“

Etliche Jahre später begegnete mir diese Geschichte in einem Gottesdienst als Predigtbeispiel. Es ging um Gottvertrauen. Deutlich wurde allerdings, dass blinder Gehorsam vom Prediger ganz allgemein als Tugend verstanden wurde. Das war in der ersten Hälfte der 70-er Jahre.

„Befehl ist Befehl!“ „Wir haben doch nur unsere Pflicht getan.“ So äußerten sich Vertreter unserer Väter- und Großvätergeneration vielfach, als sie auf die im deutschen Namen begangenen Verbrechen unter dem Hitler-Faschismus angesprochen wurden – wenn sie nicht weitaus aggressiver reagierten. Dennoch war das pädagogische Instrumentarium, das eine irrational-autoritäre Prägung hervorbringt, weithin noch in Gebrauch.

Wenn heute Menschen in Leitungsfunktionen sachliche Anfragen als persönliche Angriffe werten, wenn sie offene Diskurse mit Verweis auf Parteitags- oder Synodenbeschlüsse unterbinden oder wenn sie bemüht sind, innere wie äußere Kommunikation in ihrem Einflussbereich zensierend zu kontrollieren, so kann man getrost von einer irrational-autoritären Prägung ausgehen. Das gleiche gilt für ihre Gefolgsleute, die Vertrauen und unbedingte Loyalität gegenüber der Führung einfordern und damit offene, sachbezogene Diskurse ebenfalls abblocken.

„Ohne Druck geht gar nichts!“

Eine autoritär geprägte Persönlichkeit geht davon aus, dass von Ausnahmen abgesehen nur durch die Anwendung von Druck und Zwang Ziele erreicht werden können. Bei zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die an leitender Stelle Verantwortung tragen in Unternehmen oder auch in der Kirche machte ich die bedrückende Erfahrung, dass das elitäre Ressentiment „Ohne Druck geht gar nichts“ weit verbreitet ist.

Offen wird dies natürlich nicht vertreten. Im politischen Diskurs verbirgt sich diese autoritäre Haltung hinter Euphemismen wie „Fördern und Fordern“, „Eigenverantwortung“ oder „Verschlankung von Strukturen“, was einhergeht mit der „Freisetzung“ von Arbeitskräften. Permanenter Druck wird ausgeübt durch die Entwicklung, „Wettbewerbsfähigkeit“ zum entscheidenden Kriterium für Handlungsoptionen in immer mehr Lebensbereichen zu proklamieren. „Krise als Chance“ – tatsächlichen wurden in der Vergangenheit Arbeitsmarktkrisen, Wirtschafts- und Finanzmarktkrisen zielgerichtet für sogenannte „Reformen“ genutzt, wodurch sich die Lebensbedingungen von abhängig Beschäftigten, von Empfängerinnen und Empfängern von Transferleistungen aber auch weiter Teile des selbstständigen Mittelstandes tendenziell zu Gunsten der Inhaber großer Vermögen verschlechterten.

Als junger Erwachsener beschäftigte ich mich Ende der 70-er Jahre intensiver mit der Situation in den Ländern Mittel- und Südamerikas. Als ich vor einiger Zeit das lesenswerte Buch von Naomi Klein, „Schockstrategie“ las, wurde die alte Empörung in mir wieder lebendig - verbunden mit der Erkenntnis, dass das neoliberale Projekt ein zutiefst irrational-autoritäres, menschenverachtendes und letztlich totalitäres Projekt ist, dass in seiner Destruktivität den Faschismen und totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts in nichts nachsteht.

Diesem Projekt gab sich ausgerechnet eine rot-grüne Regierung vor einigen Jahren ziemlich erbarmungslos hin. Verliert heute ein 49-jähriger Ingenieur z.B. bei Siemens auf Grund von Umstrukturierungsmaßnahmen seinen Arbeitsplatz, kann er sich rasch im Niedriglohnsektor in einer Putzkolonne oder wenn er Pech hat in einem Leben auf Hartz IV-Niveau wiederfinden. Alleine diese Aussicht erzeigt Druck, sich konform zu verhalten.

Es ist eine neoliberale Strategie, den Staat fiskalisch „aushungern“ zu wollen unter anderem mit dem Vorsatz, auf diesem Wege ehemals politisch verantwortete Dienstleitungen in private Hände zu transformieren. Es ist beschämend, dass gerade in der evangelischen Kirche dieser Strategie von vielen Verantwortungsträgern bezogen auf die eigene Organisation immer noch gefolgt wird. Die Kirche habe immer noch viel zu viel Geld. Um angeblich nötige Strukturreformen auf den Weg zu bringen, sei ein Rückgang der Finanzkraft geradezu wünschenswert. Stellungnahmen wie diese musste ich mir in den vergangenen Jahren allzu oft anhören.

Zwang und Gewalt sind ausschließlich zur unmittelbaren Gefahrenabwehr ein legitimes Mittel. Setze ich dauerhaft auf Manipulation, Druck und Zwang als Mittel der Menschenführung anstatt auf Aufklärung, Überzeugungskraft und Motivation, mache ich die Welt keineswegs zu einem besseren Ort, sondern verstetige und vertiefe vielmehr die Schäden der Vergangenheit. Die Schatten früherer Barbarei werden so wieder länger.

Die Nicht-Akzeptanz des wirklichen Menschen

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hebt in Abgrenzung zu den Ideologien seiner Zeit, die die der Konstruktion des „neuen Menschen“ bzw. des „Herrenmenschen“ anstreben hervor, dass Gottes Liebe und Akzeptanz dem wirklichen Menschen gilt – also dem Menschen mit seinen Deformationen, seinen unguten Prägungen aber auch seinem Potential. 

Die Akzeptanz des wirklichen Menschen fällt allerdings schwer. Einmal halten uns Andere mit ihrer Abgründigkeit den Spiegel vor. Mit autoritären Persönlichkeiten habe ich seit je her große Probleme, weil ich dieselbe irrational-autoritäre Prägung in mir trage. Auf der anderen Seite gibt es gerade bei engagierten Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen möchten, den ausgeprägten pädagogischen Drang, „bewusstseinsbildend“ zu wirken. Menschen müssten ihr Verhalten und damit sich selbst ändern und man käme dem Ziel einer besseren Welt näher. Als langjähriger Seelsorger weiß ich jedoch, dass erwachsene Mensch sich kaum umerziehen lassen, ganz gewiss nicht durch Druck. Erfährt ein Mensch in einer Krisensituation allerdings Akzeptanz und Wohlwollen, ist dies oft die Grundlage für eine Veränderung zum Positiven hin.

Im Einflussbereich der christlichen Tradition – ähnliches gilt für Strömungen im Islam – sind Menschen jahrhundertlang durch die Dämonisierung der Sexualität geschädigt worden. Eine Person, die ihre eigene Sexualität als etwas Bedrohliches, potentiell „Sündhaftes“ empfindet, wird nie in den Zustand gesunder Selbstannahme gelangen, weil Sexualität konstitutiver Bestandteil unseres Menschseins ist. Wer mit sich selbst trotz aller Beichtgespräche dauerhaft im Unreinen ist, reproduziert irrational-autoritäre Prägungen.

Ähnlich wie die Dämonisierung des Sexuellen den Menschen in seinem privaten Lebensbereich überfordert, wirken sich Grundbedingungen in unserer heutigen Arbeitswelt strukturell verheerend auf die Psyche des Menschen aus und drängen dazu, ihn  zur Unterwerfung oder gar in die Berufsunfähigkeit zu zwingen. Ich möchte dies anhand von 3 Beispielen schildern:

  • Eine alleinerziehende Mutter erhält von ihrem Arbeitgeber eine Abmahnung. Der Hintergrund: ihr vierjähriges Kind hatte morgens grippeähnliche Symptome mit hohem Fieber. Also entschied sie sich dagegen, es wie geplant zum Kindergarten zu bringen. Stattdessen brachte sie es zum Arzt. Auf die Schnelle fand sich keine Alternative zu diesem Verfahren. Denn Familienangehörige lebten zu weit von ihrem Wohnort entfernt und Freundinnen hatten eigene berufliche Verpflichtungen. Sie rief in der Arztpraxis ihren Arbeitgeber an und schilderte ihre Situation. Der reagierte wenig verständnisvoll. Einen Tag später erhielt sie die Abmahnung.
     
  • Etliche Jahre hatte er eine Filiale einer Genossenschaftsbank geleitet, bis der Zusammenbruch kam. Er war ein Banker alten Schlages, der Seriosität ausstrahlte und in der Umgebung einen ausgezeichneten Ruf genoss, weil seine Kunden sich bei ihm gut aufgehoben fühlten. Dann begann die Phase der Zielvereinbarungen und des internen Benchmarking - es wurde u.a. verglichen, welche quantitativen "Erfolge" die einzelnen Filialen beim Verkauf teilweise zweifelhafter Finanzprodukte hatten. Da der Mann kundenorientiert arbeitete, waren die Zahlen seiner Filiale nicht die Besten. Er wurde versetzt - in eine kleine Filiale weit entfernt von seinem Wohnort. Schließlich kam der Burnout. Er kündigte und musste sich beruflich neu orientieren.
     
  • Sie war anerkannte Leiterin eines Labors in einem Krankenhaus gewesen. Diese Stellung behielt sie weitere 2 Jahre, als das Labor an ein externes Unternehmen verkauft wurde. Danach wurde das Labor geschlossen. Sie erhielt einen  Arbeitsplatz am Hauptsitz des Unternehmens. Obwohl sie nicht mehr in leitender Funktion arbeitete, gewöhnte sie sich gut ein. Dann wurde sie intern an einen anderen Arbeitsplatz versetzt, der höchste Anforderungen an die Geschwindigkeit und die Präzision bei den Analysen stellte. Damit war sie, die anerkannt eine ausgeprägte Leitungskompetenz besaß, restlos überfordert. Sie brach psychisch zusammen und ist seit vielen Monaten krankgeschrieben.

Diese Beispiele haben eins gemeinsam: der einzelne Mensch in seiner jeweiligen Situation mit seinen Stärken und Schwächen wird nicht wahrgenommen. Menschen werden unter dem Druck des Strebens nach Effizienzsteigerung sowie durch die unbarmherzige Orientierung an den "Besten" nicht wie Menschen, sondern eher wie Werkstoffe oder Maschinen behandelt. Unternehmen bringt dies kaum weiter, es ist aber ein Eldorado für autoritäre Persönlichkeiten, die ihren Untergebenen stets problemlos nachweisen können, dass sie den oft von ihnen ja selbst akzeptierten Anforderungen nicht genügen.

Wer andere klein macht, um sich selbst zu behaupten, hat keinen Respekt verdient!

Wie entzieht man sich dem Einfluss des Irrational-Autoritären und wirkt seiner Destruktivität entgegen? Zunächst ist auch die autoritäre Persönlichkeit ein "wirklicher Mensch", dem die Würde des Menschseins zusteht. Er kann kaum heraus aus seiner Haut. Der Entschluss, ihn mit Druck, Zwang oder gar offener Gewalt zu bekämpfen, ist seinerseits eine irrational-autoritäre Anwandlung, die die Welt keineswegs zu einem besseren Ort macht, sondern sie trotz aller guten Vorsätze und Ideale in eine Hölle verwandeln kann.

Die autoritäre Persönlichkeit ist geworden wie sie ist, weil sie als Kind unter autoritären, empathieunfähigen Erwachsenen gelitten hat. Ich halte mir dieses verletzte und verstörte Kind vor Augen, wenn ich es mit autoritären Persönlichkeiten zu tun habe. Das hilft. Dieses Kind hat Mitgefühl verdient - der Erwachsene dagegen, der aus seiner Prägung heraus dazu neigt, andere seinen Machtambitionen zu opfern und sie zu demontieren, hat keinerlei Respekt zu erwarten, mag seine Fähigkeit zur Selbstdarstellung und Selbstbehauptung auch noch so ausgeprägt sein.

Er ist gefährlich. Denn sein Mitgefühl ist oft nur eine perfekte Inszenierung. Bedenkenlos kann er vermeintliche oder tatsächliche Widersacher aus dem Weg räumen. Er ist ein Krafträuber und Energiefresser. Darum sollte man alles unternehmen, seinen Einfluss einzudämmen.

Meine ganz persönliche Strategie ist die Zuwendung gegenüber Kindern und Jugendlichen in meinem Umfeld. Ich möchte ihnen vermitteln, dass sie wertvolle Menschen sind. Ich will sie ermutigen und ihnen helfen, sich zu entfalten. Gerade die Schwierigen genießen hierbei meine besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge - ein kleiner Beitrag gegen das erneute Aufkeimen faschistischer Neigungen.

Ansonsten: Der autoritäre Charakter ist in seiner Neigung, Andere zu dominieren und Leben zu beschädigen böse. Hier hilft vielleicht eine sehr allgemeine aber dennoch klare Richtungsangabe von Paulus: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden sondern überwinde das Böse mit Gutem!"(Römer 12,21)