Das Wort Gottes und der Zahlenteufel

Zum Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung
Von Dr. phil. Matthias Burchardt, Universität zu Köln

 

Spätestens seit Michel Foucaults Analysen zum Panoptismus ist der Zusammenhang von Sichtbarkeit und Macht offenkundig. Unter dem Zauberwort des ›Monitorings‹ expandiert das Regime des Ökonomismus in alle Lebensbereiche, etabliert Rechenschaftspflichten und Berichtswesen, verkürzt qualitative Phänomene auf quantitative Darstellungen in Zahlen und etabliert das Kriterium der Effizienz und Steuerungsmodelle via Kennziffern, so geschehen in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen im Namen von New Public Management. Dass diese inzwischen ubiquitäre Form des Wirtschaftens im ›neoliberalen‹ Geiste von Milton Friedmann und Gary S. Becker noch nicht einmal die Kriterien sinnvoller Ökonomie erfüllt, ist inzwischen offenkundig, da der Ökonomismus keine Güter oder Lebensfelder (OIKOS) bewahrt oder hervorbringt, sondern diese im Umschlag der kreativen Zerstörung liquidiert. Insofern sind auch alle Entwicklungen in der Evangelischen Kirche mit großer Sorge zu betrachten, die von einer gewissen Immunschwäche gegenüber dem ökonomistischen Mainstream zeugen. Es dürfte eine Illusion sein, wenn man glaubt, dass eine Transformation der inneren Strukturen und Prozesse, der Mittelbewirtschaftung, Beschäftigungsformen und der Steuerungsmodelle die theologische Substanz und die kirchliche Praxis unberührt lassen könnte. Vielmehr müsste man sich der gegenwendigen Frage aussetzen: Wie wäre es, wenn die organisatorische Seite der Kirche von der theologischen Substanz her gedacht und gestaltet würde (vgl. Barmen III)?

Insbesondere die Zusammenarbeit mit Unternehmensberatungen, Stiftungen und think-tanks bedarf eines genauen und kritischen Blickes, denn meistens bleiben die Akteure und Prozesse, die die Sichtbarkeit durch ›Monitoring‹ etablieren, selbst unsichtbar. Ein Monitor ist eben kein Erkenntnis-, sondern ein Machtinstrument. Messen ist Herrschen: Ein erster Gewaltakt besteht schon darin, dass man ein komplexes Phänomen messbar machen muss. Dazu bedarf es eines Messinstrumentes und eines Maßstabes. Wer Religion messen will, kann nicht einfach vorgehen, als würde er mit dem Zollstock in der Hand den Wuchs von Luthers Apfelbäumchen messen. Denn schon an diesem trivialen Beispiel zeigt sich eine Grundproblematik des Messens: Die Wahl des Maßstabs entscheidet über die Art der Ergebnisse. Der Zollstock vermag nur schwer den Umfang der Krone einzufangen und gegenüber dem Duft von Blüten oder dem Geschmack von Äpfeln ist er gänzlich unempfänglich. Wer misst, blendet aus! Und die komplexe Wirklichkeit findet dann keinen Kanal, um gegen die Ausschnitthaftigkeit oder Simplifikation des Messens Protest einzulegen. Mitunter verrät das Messergebnis mehr über die Vor-Urteile des Messenden als über die Gegenstände, die niemals in ihrer Vermessung aufgehen. Hinzu kommt eine entscheidende Differenz zwischen physischen Dingen und geistigen, geistlichen, sozialen oder kulturellen Phänomenen in Hinblick auf ihre Übersetztbarkeit in Zahlen und Skalen, so dass schon in der Perspektive der Erkenntnistheorie immer wieder betont werden muss, dass quantitative Verfahren eben nicht Fakten hervorbringen, sondern Artefakte.

Angesichts des brüchigen Fundaments einer metrischen Welthaltung, von dem alle empirischen Wissenschaftler wissen, so dass sie entsprechend selbstkritisch mit Reichweite und Aussagekraft ihrer Ergebnisse umgehen, erscheint es umso bedenklicher, wenn diese Ergebnisse zum Ausgangspunkt von politischen Handlungen gemacht werden. Das Messen des New Public Management begnügt sich ja nicht mit einer (selektiven) Erfassung von Sachverhalten, sondern errichtet auf den – im Grunde kontingenten – Skalen ein Regime der Steuerung. Werte werden zu Sollwerten! Dies zeigt sich etwa an der tendenziösen PISA-Studie der OECD, deren Macher kein Problem damit haben, einzugestehen, dass man Bildung nicht messen kann. Aber anstatt dass die Politik diese Einsicht zur Einordnung der Ergebnisse der Studie und ihrer bescheidenen Aussagekraft genutzt hätte, wurde die Doktrin ausgegeben, man müsse in PISA bessere Ergebnisse erzielen – und sei es um den Preis einer Verabschiedung vom humanistischen Bildungsideal. Im Kontext von Macht zeigt sich somit, dass die Herrschaft über die Skalen eine Herrschaft über die zu gestaltende Wirklichkeit gewährleistet. ›Monitoring‹ ist normative Empirie und wenn es ganz arg kommt, die Verschleierung eines Putsches.

Dies zeigt sich auch und gerade am Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, stellt er doch einen Angriff auf das Grundmedium der Betrachtung und Diskussion von Fragen des Glaubens und des Göttlichen dar – war man bisher doch der Überzeugung, dass bei aller Begrenztheit die Sprache am ehesten in der Lage sei, diese Fragen thematisch und reflexiv auszutragen. Nicht umsonst nennen wir die Akademische Disziplin und den sachlichen Vergegenwärtigungsmodus: THEO-LOGIE und nicht THEO-METRIE. Die sich anbahnende Umbettung der Kirche vom Wort in die Zahl wäre ein grundstürzender Umbruch, weil dadurch eben nicht nur ein neues epistemologisches Paradigma eingeläutet würde, sondern auch alle Bereiche des äußeren religiösen Lebens sowie innere Modelle und Haltungen in einen transformierenden Strudel gerieten. Über die wahren Ziele dieser Transformation kann man bisher nur spekulieren. Bemerkenswert sind die Kontexte, in denen die Bertelsmann-Stiftung die Rolle von Religion betont. Einerseits weist sie auf mögliche Friktionen zwischen den Religionen in einer ökonomisch globalisierten Welt hin, fällt aber zugleich hinter alle Einsichten, Differenzierungen und Sensibilitäten des interreligiösen Dialogs zurück, indem sie alle Weltreligionen an einem einzigen kulturgebundenen (!) Maßstab misst und damit deren Vielfalt und Inkommensurabilitäten eindampft. Die Rhetorik des Monitors feiert Vielfalt, das metrische Verfahren dagegen legt absolute Maßstäbe an und ist insofern totalitär: Im Kern des Monitors tickt ein funktionalistischer Religionsbegriff, wie schon der Bertelsmann-Slogan ›Verstehen, was verbindet‹ herausposaunt. Religion erscheint im Fokus des Monitors als globale Kohärenz- und Resilienzressource, welche zur Aufrechterhaltung sozialer und individueller Funktionalität managerial bewirtschaftet werden muss. Natürlich ist der soziale Zusammenhalt durch grassierende Armut und das Wegbrechen der Mittelschicht infolge der von Bertelsmann mitinspirierten neoliberalen Reformen auch in Deutschland labiler geworden. Natürlich führen Entsolidarisierung, die Individualisierung von Lebensrisiken und schließlich der Imperativ, sich unter den Bedingungen des totalen Marktes in ein ›unternehmerisches Selbst‹ zu verwandeln zur inneren Krise, zu Erschöpfung und Krankheit. All dies sind letztlich Folgen eines globalen Sozialfrackings, das uns nunmehr an den Rand des Zusammenbruchs der zivilisatorischen Grundordnungen zu bringen droht (Totalüberwachung, Drohnenkriege, Aufstände, zerfallende Staaten, Radikalisierung usf.). Deshalb ist es naheliegend, dass die Akteure des ökonomistischen Regimes sich Gedanken machen über Dosierung und Darreichungsformen des Opiums, um die Humanressourcen weiterhin nutzbringend verwerten zu können. Der Zynismus einer funktional instrumentalisierten Religion ist altbekannt. Neu dagegen wäre, wenn die Kirche selbst – aus Sorge um ihre schwindende Relevanz – sich diesen Zynismus zueigen machen würde.

Für den Satz ›Wehret den Anfängen!‹ ist es wohl schon zu spät, da Kirche längst zur ›Kirche im Wandel‹ gemacht wurde, zur Beute von change-Agenten mit klarer Agenda, aber permanentem Anpassungsbedarf durch fortgesetzte Verursachung innerorganisatorischer Kollisionen. Die schleichende Erosion einer vormals orientierungsstarken Sinn-Instanz zeigt sich beispielsweise an der kürzlich erschienenen Familienschrift ›Zwischen Autonomie und Angewiesenheit‹. Hier fungiert Theologie nur noch als Epilog des Faktischen und ›normative Orientierung‹ wird umgedeutet zur Anpassung der Norm an die Realität einer desorientierten und durch Ökonomismus entwurzelten Menschheit, die sich in beliebigen Sozialaggregaten mehr oder minder funktional granuliert.
Es ist also höchste Zeit, den eingeschlagenen Kurs grundsätzlich zu überdenken, die handlungsleitenden Modelle und erlassenen Maßnahmen zu überprüfen bzw. zu revidieren. Die mittelalterliche Variante, dem Zahlenteufel mittels Exorzismus beizukommen, steht heute jedenfalls nicht mehr zur Verfügung.