Das Ende der Sintflut

oder der Untergang des „Zuviel“
Gedanken zu Genesis 8,1-12
Von Bärbel Kulpe


Bärbel Kulpe hat die Gabe, mit ihren Texten Herzen zu bewegen. Ihre Auslegung des Endes der Sintfluterzählung ist theologisch originell, sprachlich ungemein ansprechend und voller Esprit. Unschwer lassen sich Bezüge nicht nur zum Alltag vieler Menschen, sondern auch zum Umbauprozess unserer Kirche mit seinen Begleiterscheinungen herstellen.
Neben dem Bibeltext ist ein Bild von Sieger Köder Grundlage der Ausführungen von Bärbel Kulpe. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir es nicht zeigen, es ist aber z.B. hier zugänglich.



Demnächst wird in den Kinos eine Neuverfilmung der Geschichte Noahs gezeigt, mit Russell Crow in der Hauptrolle. Die Vorschau wartet mit gigantischen Bildern auf – und einer goldigen Detailszene: als nach Gottes Ratschluss von allen Tieren je ein Männchen und Weibchen an Bord gehen, um vor der Sintflut gerettet zu werden, fragt Noahs Frau ihn ganz erschreckt: „Schlangen auch?!“ Und Noah antwortet: „Ja, auch Schlangen.“

Und wir wissen, dass wir alles ergänzen können: Ratten, Mäuse, Spinnen, Würmer, Mücken, Raubtiere, Gorillas und Wölfe genauso wie Meerschweinchen, Hamster, Hunde, Katzen und alles, was uns noch so ans Herz gewachsen ist.
Das war keine Wunsch-Wohngemeinschaft, keine Reisegesellschaft nach Sympathie.

Da hatte jede Art ihre Aufenthaltsgenehmigung, ganz gleich, ob es den anderen passte oder nicht. Das war eine echte Herausforderung für alle Beteiligten!

Wie im richtigen Leben…

Übrigens ist das Wissen über die Sintflut-Geschichte mitunter bares Geld wert:

Vor kurzem lautete nämlich die 64 000 € - Frage bei „Wer wird Millionär?“:

„Wie viele Menschen waren an Bord der Arche?“ „Zwei, vier, sechs oder acht?“

Die Kandidatin glaubte dem Publikumsjoker und fiel auf 500€ zurück, womit sie dann nach Hause entlassen wurde. Aber das nur am Rande…

Die Hintergrundgeschichte der Sintflut bedrückt mich bis heute: Gott war so enttäuscht von den Menschen, die er gemacht hatte, dass er die ganze Schöpfung rückgängig machen wollte. Alles sollte sterben – er war es so leid.

Noah aber fand Gnade in seinen Augen, denn er war fromm und gottesfürchtig. Darum sollte er eben die Arche bauen, worin die Besagten überleben sollten, „um das Leben zu erhalten“, wie es ausdrücklich heißt.

Hohn und Spott kübelten seine Mitmenschen über ihn aus, dass er mitten auf dem Trockenen ein riesiges Schiff baute, weil Gott es ihm befahl – davon können wir ausgehen.

Das Lachen blieb ihnen im Halse stecken, als die große Flut kam.

Blankes Entsetzen trieb sie zur Arche, Todesangst.

Aber da war kein Platz für sie in der Arche.

Es gibt auch ein „Zu Spät“ im Leben.

Darum bedrückt mich diese Geschichte.

Als wären wir heute klüger – wir sind es eben nicht.

Sehen wir auf das Bild von Sieger Köder.

In der unteren Bildhälfte sehen wir die Schädel der Toten, die überfluteten Städte und Häuser.

Gott steht zu seinem Wort. Er meint, was er sagt. Er ist konsequent.

 Noah weiß das. Er weiß auch, dass Gott seine Schöpfung gut gefiel – so lange war sie ja noch gar nicht her. Es gab da ein Band zwischen ihnen beiden: Loyalität. Treue. Liebe. Hoffnung und Vertrauen.

Aus dem 1. Buch Mose Kapitel 8 die Verse 1 – 12:

1 Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen und die Wasser fielen.

2 Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt.

3 Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen.

4 Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat.

5 Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor.

6 Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte,

7 und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden.

8 Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.

9 Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.

10 Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche.

11 Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.

12 Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.

„Da gedachte Gott an Noah…“

Ein Geistesblitz? Ein Erinnern? Noah war doch treu gewesen, er schwimmt ja immer noch auf den Fluten, seit 150 Tagen – mit allen Passagieren nun schon so lange!

Wie mag es zugehen da an Bord?

Die Vorräte gehen zu Ende.

Die Tiere haben Hunger – aufeinander.

Die Lage wird brenzlig.

Dicke Luft.

Keine Kreuzfahrt in mondänem Luxus.

„Ich bin ein Geschöpf – hol mich hier raus!“

„Da gedachte Gott an Noah“ – das ist die Wende.

Gott öffnet sein Herz und schließt die Schleusen.

Die Fluten gehen zurück, der Regen hört auf und der Meeresspiegel senkt sich wieder.

Mathematiker, Statistiker, Protokollanten, Buchhalter – sie alle haben ihre helle Freude an diesen Versen, denn jetzt kommen Zahlen über Zahlen:

Die Wasser verliefen sich nach 150 Tagen.

Am 17. Tag des 7. Monats setzt die Arche auf dem Gebirge Ararat auf.

Die Wasser nehmen weiter ab bis auf den 10. Monat.

Am 1. Tag des 10. Monats  sehen die Bergspitzen hervor.

Nach 40 Tagen öffnet Noah das Fenster der Arche und lässt einen Raben fliegen.

Als danach die Taube ausfliegt und wiederkommt, wartet er noch weitere 7 Tage.

Dann lässt er wieder eine Taube fliegen, die am Abend mit einem Ölblatt zurückkommt, aber er harrt noch weitere 7 Tage aus.
Dann lässt er zum dritten Mal eine Taube fliegen – die kommt nicht mehr zu ihm zurück.

Warum diese vielen Zahlen? Wofür? Wer kann sie belegen?

Hat Noah Buch geführt? Zeit genug hätte er ja gehabt…

Nein.

Jeder Tag, jeder Monat bedeutet geschenkte Zeit. Jeder Tag zählt. Heute zählt…

Jetzt kommt wieder Ordnung ins Chaos.

Vor der Schöpfung herrschte auf der Erde ein heilloses Durcheinander, ein „tohuwabohu“.

Durch die Sintflut war es wieder da.

Und jetzt kommt wieder Struktur in Raum und Zeit.

Da taucht ein Gebirge auf – ausgerechnet da landet die Arche.

Zum Aussteigen denkbar unpraktisch.

Aber Hauptsache: Boden unter den Füßen.

Bequem ist das alles nicht.

Wie kommen wir bloß immer darauf, dass unser Leben bequem sein soll?

In der Bibel steht´s jedenfalls nicht…

Noah scheint auch nicht der Meinung zu sein – er geht einen ganz anderen Weg.

Den der Ruhe.

In unserem Text spricht er nicht.

Naja, in Wirklichkeit wird er schon gesprochen haben – allein schon, um die Tiere bei Laune zu halten und sie zu beruhigen. Er war ja auch nicht der einzige Mensch an Bord. Hm, wieviel Menschen war´n´s  denn gleich????

Er hatte das Fenster nach dem Regen geöffnet, er sieht wieder das Tageslicht.

Er sieht die Sonne scheinen und untergehen. Tagein, tagaus. Tag für Tag.

Und er zählt.

Am 7. Tag ist der Sabbat, der Tag des Herrn, der Tag der Ruhe. Das ist die Krönung der Schöpfung.

Da lässt er die Taube fliegen - nach dem Raben, von dem nicht weiter die Rede ist, ob er wieder kommt oder nicht.

Als die Taube zurückkommt, weil sie „nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte“, wartet Noah bis zu ihrem zweiten „Aus-Flug“ weitere sieben Tage.

Wieder Sabbat, wieder der Tag des Herrn, wieder die Krönung der Schöpfung.

Noah nimmt per Taube Kontakt zum Himmel auf, so kommt´s mir vor.

Wie eine Frage: „Ist es jetzt wieder gut?“

Zugleich erweist er Gott damit die Ehre: am Tag des Herrn redet er durch sie zu ihm, sucht das Gespräch mit ihm, sucht Gott selbst.

So soll es sein seit Alters her, dass wir Gott suchen, wenigstens am Tag des Herrn.

Da gibt er Antwort: ein abgebrochenes Ölblatt, frisch vom Zweig, nicht verdorrt und vergammelt von der Wasseroberfläche.

Da sprießt was auf, da keimt neues Leben, da fängt was Neues an!

Was Üppiges noch dazu! Ein Öl-Blatt – fett, satt, mehr als genug, mehr als sein muss – ein Symbol für Lebensfreude!

Noah aber überstürzt nichts.

Er geht den Weg der Ruhe.

Er wartet noch weitere sieben Tage. Naja: warten. Das ist es eigentlich nicht.

Er hat ja die ganze Zeit alle Hände voll zu tun mit Ausmisten, Füttern, Pflegen usw.

Doch in diesem seinem Alltag denkt er nach, da bin ich ganz sicher.

Vor seinen Augen findet er Zerstörung und Chaos.

Was sehen wir? In Syrien, in der Ukraine, in Mali, in Muku, Thailand – wo auch immer?

Zerstörung, Chaos, Gewalt und Hass.

Nein, wir sind nicht klüger geworden.

Was sehen wir bei uns zu Hause? In unserem eigenen Alltag?

Überlastung? Ständig neue Termine? Permanent unfertige Angelegenheiten? Übermüdung? Das Schwinden der eigenen Gesundheit? Einen wachsenden Berg an „To-do-Listen“ auf dem Schreibtisch? Eine Flut an Mails und Newslettern von allen Ebenen? Das Routieren wie in einem Hamsterrad? Das Wissen, es reicht ja nie? Ich werde nicht fertig, aber es macht mich alles fertig?!!

Wir können darin ertrinken, elendig untergehen.

Doch immer wieder schickt Noah die Taube in die Freiheit,

bis diese – endlich! – ein Zeichen des Lebens findet,

bis diese – endlich! – einen Ruheplatz für ihre Fußsohle findet.

Noahs Beharrlichkeit, ja fast schon sein Trotz, beruhigen, denn der Sabbat ist ihm heilig.

Er wartet immer bis zum 7. Tag, um Gottes Schalom zu finden, den Frieden Gottes,

den alle so nötig haben in dieser Schöpfung.

„Und siehe, ein Ölblatt!“ Und siehe, Gott lässt mit sich reden!

Nun sehe ich das Bild von Sieger Köder mit ganz anderen Augen:

Die Arche als mein eigenes Leben, in dem es alles gibt: kuschelige Hamsterseiten und kratzbürstige Stinktieranteile. Den Bienenfleiß und die Bärenkräfte genauso wie das Schneckentempo und das Paviangehabe. Die Liste ist lang…

Sie passt auch auf „ein Schiff, das sich Gemeinde nennt…“

Ich lande auf unwirtlichem Gelände, kein feiner, weißer Sandstrand, sondern steinig ist mein Weg in die Welt – aber ich lebe und mit mir meine Umwelt.

Gott hat alles Böse hinter uns gelassen, weil er es nicht mehr wollte. Aber es scheint immer wieder durch, taucht auf. Darum hat er einen Weg eröffnet, das Fenster zum Himmel, mein Herz, mein Glaube, der mich beten lehrt, der meine Taube zum Himmel bringt, meine Anliegen und meinen Dank.

Da fliegen die Tauben wie im Tanz, und doch ist es immer nur eine, die mit dem Ölblatt bringt auch den Frieden. Später taucht da der Regenbogen auf, das uralte Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Der Friede Gottes.

Ich erkenne in dem Text und in dem Bild eine „Anti-burn-out-Geschichte“:

Da geht soviel unter, bleibt soviel auf der Strecke an Beziehungen und guten Vorsätzen, an Chancen und verpassten Gelegenheiten, an Begabungen und Wünschen, an „Hätte ich doch…“ und „Warum habe ich nicht…“ und „Am liebsten würde ich…“. Kurz: da geht soviel unter an „zuviel…“

Das ist das Übel. Das stößt mir böse auf.

Es ertrinkt im Meer der Konjunktive.

Gott war es so leid, dass ich leide, dass wir leiden.

Darum hat er das Zuviel ersäuft.

Wo ich von selber zu ertrinken drohe, zeigt er mir an Noah exemplarisch – den harten Boden der Realität: abrupt bremst er mich aus an einer Stelle, an der ich gar nicht landen will.

Er bringt mir den Sabbat in Erinnerung, an dem ich nicht noch einen extra Arbeitstag einlegen soll – sondern eben RUHEN!

Ruhe, ein Ruheplatz für meine Fußsohle, Sabbat, der Friede Gottes, der Friede für mein Leben.

Noah muss kommen und mich wecken.

Ich muss auch mal was gut sein lassen. Ich muss auch mal was sein lassen.

Die Taube mit dem Ölblatt kommt am Abend. Sie hat den Feierabend erfunden!

Schließlich lässt Noah nach weiteren sieben Tage wieder eine Taube fliegen; „die kam nicht wieder zu ihm.“

Noah lässt los. Sein Leben ist danach kein bequemes, aber eins mit Sabbat. Echtem Sabbat.

Danke Noah. Amen.

Treusorgender Gott,

die Flut unserer Pflichten scheint nicht enden zu wollen – Du lehrst, das ist ein Irrtum. Wir verlieren Dich und Deinen Frieden, verlieren uns und was uns lieb und teuer ist – wir bleiben auf der Strecke. So bitten wir dich heute und alle Zeit: lehre uns bedenken, dass wir arbeiten sollen und können – bis zum Sabbat, bis zu Dir. Vieles ist wichtig, nichts aber wichtiger als Du. Lass uns guten Gewissens aufatmen, durchatmen und Kraft tanken. Für dich und deine Schöpfung, für die Menschen, die du uns anvertraut hast, für deine Kirche. Amen.