Beunruhigende Aktivitäten der grauen Herren!

Uni, Kirche, Tiefkühlpizzafabrik …

Wer einst glaubte, die grauen Herren seien fiktive Gestalten, die Michael Ende in seinem Buch „Momo“ vor vielen Jahren mahnend entwarf, wird durch einen wachen Blick in die Wirklichkeit unserer Zeit eines Besseren belehrt. Es gibt sie wirklich. Sie entwickeln beunruhigende Aktivitäten in allen denkbaren Lebensbereichen: an deutschen Universitäten, im kirchlichen Bereich und auch im Konzern, der Tiefkühlpizzen herstellt. Sie werden geschickt von der Bertelsmannstiftung, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder Mac Kinsey und geben sich aus als selbstlose Berater, die einfach nur zum Besten Aller die Dinge voranbringen wollen. Zeit und Geld stehen im Fokus ihrer Bemühungen.

Einige haben einen recht merkwürdigen Werdegang hinter sich. Einst waren es richtig lebendige Jungs und Mädels, die friedensbewegt gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten oder in tiefer Solidarität mit den Sandinisten Nicaragua-Kaffee schlürften. Doch dann kamen der Beruf und der Aufstieg. Und mit jedem Schritt auf der Karriereleiter nach oben wurden sie blasser und grauer.
Im Moment protestieren zahlreiche Studentinnen und Studenten gegen die elenden Verhältnisse an den deutschen Hochschulen, die seit einigen Jahren von grauen Herren und einigen grauen Damen hervorgerufen werden. Sie haben das Bild einer Hochschule geprägt, „die wie ein Unternehmen ihre „Produkte“ und „Waren“ – also ihre Forschungsleistungen sowie ihre Aus- und Weiterbildungsangebote – auf dem Markt an kaufkräftige Nachfrager abzusetzen hat: nämlich an zahlungskräftige Forschungsauftraggeber und Investoren, an Stifter und Sponsoren – und an Studierende, die nunmehr „Kunden“ sein sollen und deshalb für die ein gekaufte „Ware“ namens Studium zur Kasse gebeten werden.

In der „unternehmerischen“ Hochschule soll nicht mehr aufgrund von „Entscheidungen in den Gremien“…, sondern es soll von einem „modernen Management“ … nach den Gesetzen des „Wettbewerbs“ und der „Konkurrenz“ auf dem Wissenschafts- und Ausbildungsmarkt entschieden werden.“ - so Wolfgang Lieb in seinem Vortag vom 20. Mai 2009 „Manager erobern die Unis“, mit dem er Bezug nimmt auf das „Hochschulfreiheitsgesetz“ des Landes Nordrheinwestfalen.  (zugänglich auf www.nachdenkseiten.de).

Ändert man einige Begriffe und spricht statt von „Hochschule“ von „Kirche“, so könnten die Aussagen auch aus einem EKD-Papier stammen. Fantasie haben die grauen Herren bekanntlich nicht, dafür umso mehr Ideologie. Sie plädieren für klare Leitungsstrukturen, Effizienz und marktkonforme Lösungen. Abhängig Beschäftige überziehen sie mit Dokumentationspflichten, Qualitätsmanagement und Evaluationsprozessen. Ihnen ist es völlig gleichgültig, ob sie ihre Aktivitäten in einem Autokonzern, einem Grandhotel oder einer Jugendhilfeeinrichtung entwickeln.
Aufmerksamen Beobachtern ist aufgefallen, dass auch in der Ev. Kirche im Rheinland einige Maßnahmen ihre Handschrift tragen. Das „Neue Kirchliche Finanzwesen“ haben sie in ähnlicher Form schon in weiten Teilen des öffentlichen Dienstes umgesetzt. Das zentrale Auswahl- und Bewerbungsverfahren ist nicht ohne ihren Einfluss entstanden, ebenso, wie die Pfarrstellenverteilungsrichtlinien. Auch bei der Umstrukturierung des Landeskirchenamtes waren sie am Werk.

Paulus schreibt hierzu: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“(Römer 12,2) Anders formuliert:
widersetzt euch der Gleichschaltung! Momo hatte hierzu einige gute Ideen: Aufklärung und Fantasie, Kreativität und freundlich-beharrlicher Ungehorsam.

Hans-Jürgen Volk, Gudrun Heuer